Zwei von drei Pendlern nehmen das Auto

Groundhog Day oder "Und täglich grüßt das Murmeltier"

Ooops, das war die Schlagzeile des ehemaligen Nachrichtenblatts aus 2017. Aktuell titelt man "Immer mehr Pendler, immer mehr Autos" und schreibt "Die große Mehrheit der deutschen Pendler fährt mit dem Auto zur Arbeit. Selbst Kurzstrecken legen die Menschen lieber im Wagen zurück als mit Fahrrad, Bus und Bahn."

Der Rest der Medienlandschaft übernimmt die Schlagzeile Auto bleibt klare Nummer 1 für Pendler" (Google-Suche). DuckDuckGo findet mit der selben Suchanfragte seltsamerweise nichts. ^*)^

Wer sich aus der Quelle informieren will, das ist ein eher dünner Artikel beim Statistischen Bundesamt Pendeln in Deutschland: 68 % nutzen Auto für Arbeitsweg. Diesem kann man entnehmen, dass es i.W. eine Kompilation aus Daten des Mikrozensus ist. Anders als früher üblich, gibt es hier keine Verweise auf die zugrundegelegten Auswertungen (Kreuztabellen etc.) in verwertbarer Form, das ginge besser.

Die oben zitierte Schlagzeile "Zwei von drei Personen nehmen das Auto" aus 2017 gefällt mir besser. Aber vielleicht hat jemand ja gemerkt, dass dies suggerieren könnte: "Die zwei von den drei Personen können sich ja ein Auto teilen und auf das andere verzichten!".

Fun Fakt: ich war die letzten ca. dreissig Jahre meines Arbeitslebens Pendler, in der klassischen Definition dieses Begriffs. Wenn man dem Link https://www.destatis.de/DE/Themen/Arbeit/Arbeitsmarkt/Erwerbstaetigkeit/Tabellen/pendler1.html?nn=206552 folgt, sieht man, dass 27% der dabei zurückgelegten Distanzen unter 5 km liegen, 48 %, also praktisch die Hälfte, unter 10 km.

Da lag ich mit meinen 12 km, die ich mit dem Fahrrad zurückgelegt habe, schon drüber. Schade, dass der Bereich 10-25 km nicht weiter aufgeschlüsselt ist (damit lägen wir dann bei 77%), denn irgendwo in diesem Bereich liegt die Schmerzgrenze, wenn man mit dem Rad pendelt, ausser man betrachtet das Radfahren auch als Ersatz für Muckibude und Investition in die Zukunft (-> #gesundheit), dann freut man sich auch über längere Strecken, die man mit höherem Tempo zurücklegt.

Wenn man die Faustregel zugrundelegt, dass die Leute etwa bei einer Stunde pro Tag, die für den Arbeitsweg anfallen, nach Alternativen zu suchen und dass kaum ein gesunder Radfahrer 10 km einfache Strecke im Flachland nicht in 30 Minuten zurücklegen könnte, markiert das den linken Rand des Intervalls. Mit dem hier verlinkten VIdeo läßt sich belegen, dass Radfahrer mit geeigneter Ausstattung (hier: ein vollverkleidetes Liegerad, vmtl. ein Quest) auf einer vernünftigen Fahrbahn (statt eines holperigen Radwegs) durchaus mit Geschwindigkeiten von 40-50 km/h fahren können. Wesentliche Faktoren, die den Leistungsbedarf senken, sind Luftwiderstand einerseits und der Umstand, dass solche Fahrbahnen gut trassiert sind und gut asphaltiert. Nehmen wir die 40 km/h als Maßstab, so läge die Obergrenze für eine Stunde dann bei 20 km einfacher Strecke, also schon fast am rechten Rand des Intervalls.

Wenn wir das Potential für das Pendeln mit dem Fahrrad also mit ca 70 % ansetzen (wohlgemerkt: nur unter dem Aspekt Zeitbedarf!), dann erscheint es bei tatsächlichen 10% Fahrradnutzung beim Pendeln als nahezu vollständig verschenktes Potential.


^*)^ DDG kann keine Umlaute. :-) https://duckduckgo.com/?q=%22Auto+bleibt+klare+Nummer+1+fuer+Pendler%22&t=ffsb&ia=web

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