"Mit Kopfhörer radfahren ist gefährlich"

oder auch

ein saudummes Märchen ist einfach nicht totzukriegen.

Ein Artikel zum Thema Walkmangebrauch auf dem Rad, den ich 1992 und zuletzt Anfang 1995 in de.soc.verkehr und de.rec.fahrrad veröffentlicht habe.

Zwecks besserer Lesbarkeit habe ich den eigentlichen Artikel (ein paar Messungen der im Straßenverkehr vorkommenden Lautstärken und Dämpfungen sowie Folgerungen daraus) ein wenig für WWW aufbereitet. Gekürzt habe ich nicht, weil praktisch alles, was hier angesprochen wird, in Diskussionen immer wieder hochkommt. Wer sich nur für die verkehrspolitischen Vorbemerkungen, den technischen Teil oder die Zusammenfassung und das Ergebnis interessiert, kann sich der Links in diesem Satz bedienen.

Ausgangspunkt war die nachfolgend zitierte These:


From: Wolfgang.Strobl@gmd.de (Wolfgang Strobl)
Newsgroups: de.soc.verkehr,de.rec.fahrrad
Subject: Re: Radio
Date: 16 Feb 1995 00:40:01 GMT
Organization: GMD
Message-ID: <3hu6t1$jpp@omega.gmd.de>
References: <5dhsOy-RY9B@b-micha.bite.sh.sub.org> <H.ekBL.Jrazjk1wWgg@sledge.phiger.com>  <3hsqhb$ko@ NNTP-Posting-Host: 129.26.13.229 X-Newsreader: WinVN 0.92.6 Xref: nntp.gmd.de de.soc.verkehr:22315 de.rec.fahrrad:15524 In article <<>15FEB199516084572@isr.uni-stuttgart.d400.de>, kroen10@isr.uni-stuttgart.d400.de (Horst Wieland) says:
>
>>> ME:
>>|>Eben! Und nicht nur DAS ist GEFÄHRLICH. Auch das Walkmanh"oren als
>>|>solches w"ahrend der Teilnahme am "offentlichen Stra"senverkehr!
>>|>Man bekommt einfach wesentlich weniger mit. Mir ist schon unwohl, wenn 
>>|>ich Winters mit d"ampfender Kapuze oder M"utze fahre, und von hinten 
>>|>b"oswillig anschleichende Autos sp"at bemerke.
>>|>Nebenbei ist es soweit ich wei"s auch noch VERBOTEN!
>
>In article <3hsqhb$ko@irz302.inf.tu-dresden.de>, jz2@irz.inf.tu-dresden.de (Jan Zoellner) writes...
>>
>>Bitte nicht wieder mit dieser Diskussion anfangen!
>
>Was hei"st hier NICHT WIEDER? Habe ich etwas verpa"st? 

Kaum. :_)


>Kann mir jemand eine Zusammenfassung mailen? 

Ich nehme mir die Freiheit, stattdessen einen Artikel ungekürzt
anzuhängen, die ich vor gut zwei Jahren hier gepostet habe, in 
Anschluß an eine Diskussion, wie sie sich hier so etwa alle
vier Monate abspielt. Das nächste Mal dann 1996. :-)

>
>Ansonsten noch soviel:
>
>Ich hab ja nichts grunds"atzlich gegen Walkmantr"ager im Allgemeinen, (bin
>gelegentlich auch einer und habe Verst"andnis f"ur das angenehme ;-) 
>tchtchtchtchtstststch  neben mir in der S-Bahn) aber ich finde es einfach etwas
>unverst"andlich, da"s sie immer und "uberall verwendet werden m"ussen. 

Das geht mir auch so. Aber ich höre ganz gerne auf dem Weg zur
Arbeit die Nachrichten oder ein wenig Musik, ganz so wie dies wohl 90 % 
aller Pendler, die mit dem Individualverkehr unterwegs sind, tun. Da
ich mit dem Rad unterwegs bin, brauche ich für für meine 12 km einfach
ein wenig länger als mit dem Auto (jedenfalls im Sommer - im richtigen
Winter bin ich eher schneller). Das steigert den Wunsch nach Unter-
haltung oder Aufmunterung enorm - insbesondere wenn man ein- und dieselbe
Strecke zum hundertsten oder tausendsten Mal fährt.


>Wenn ich im Bus sitze, oder im Wald Spazierengehe gef"ahrde ich niemanden (auch
>nicht mich selbst) damit -- naja eventuell ein paar "altere Damen mit 
>Herzproblemen, die es nicht lassen k"onnen sich aufzuregen. Da mag es ja
>angehen, allerdings w"urde ich im Wald immer noch keinen Walkman aufsetzen. es
>gibt dort solch sch"one Stille oder V"ogel zu genie"sen. 

Sofern keine Autobahn in der Nähe ist, hört man zwar die Vögel -
die übertönen alles. Aber Stille? Da muß man schon sehr weit für
rausfahren. Womit? Richtig: mit dem Auto! Und die hört man dann. :-/


>Auf dem Heimweg von der Uni gehe ich (falls ich nicht radle) an einer Stra"se
>entlang. Dort ist mir ein Walkman willkommen, da ich dann die Autos, die mich
>i.A. auf dem Gehweg nichts angehen leichter ignorieren kann.

Das finde ich interessant, weil meine Haltung diesbezüglich genau
gegenteilig ist: ich packe für längere Radfahrten fast automatisch
den Walkman (d.h. meist: das Radio) ein und benutze das Teil dann häufig
auch. Aber zu Fuß? Ich kann mich nicht erinnern, überhaupt jemals
ausserhalb des Hauses einen Walkman angehabt zu haben, wenn ich
per pedes unterwegs war. Kurios, nicht?

So, nun der versprochene Artikel:

Newsgroups: de.soc.verkehr,de.rec.fahrrad,de.soc.recht
From: strobl@gmd.de (Wolfgang Strobl)
Subject: Radio im Auto vs. Radio auf dem Rad. War: Re: Autoradioverbot! ...
Message-ID: 
Organization: GMD, Sankt Augustin, Germany
References:  <8q380cn@heaven7.in-berlin.de>
Date: Sat, 5 Dec 1992 23:14:44 GMT

Radio im Auto vs. Radio auf dem Rad. War: Re: Autoradioverbot! ...


martini@heaven7.in-berlin.de (Martin P. Ibert) schreibt
in Artikel <8q380cn@heaven7.in-berlin.de>: 
> strobl@gmd.de (Wolfgang Strobl) writes:
> > Ich schlage vor: generelles Autoradioverbot, und Begrenzung
> > der Lautstaerke von Walkmaennern auf dem Rad (Bikemen?) auf
> > <85 dBA. Das erscheint *mir* angemessen.> 
> Durch ein generelles Autoradioverbot wuerde ich (und sicher nicht nur ich)
> mich empfindlich in meinen Grundrechten eingeschraenkt fuehlen. 

Genau so sehen das die Radfahrer, denen man das Benutzen eines Walkman auf dem Fahrrad verbieten will.

Allerdings beruht deren Gefühl, im Gegensatz zu Deinem, auf nachprüfbaren Tatsachen und nicht auf Wunschdenken zu Lasten Dritter.


>Ich mache
> mein Autoradio nicht so laut an, daß as a) andere ausserhalb des Autos
> stoeren oder b) mich am Hoeren einer Feuerwehrsirene hindern koennte.
> 

Diese erste Behauptung will ich nicht in Zweifel ziehen, aber sie ist im gegebenen Zusammenhang irrelevant. Oder willst Du behaupten, ein Kopfhörer in Betrieb sei auf dem Rad so laut, daß er andere stört?

An der zweiten Behauptung habe ich schon meine Zweifel (siehe dazu weiter unten), aber das ist es nicht allein. Ich frage mich, ob Du bei laufendem Autoradio auch eine Fahrradklingel hören kannst.

Nachdem ich mich ein wenig schlau gemacht habe, weiss ich (und vermute es nicht nur), daß Deine Behauptung


> Beim Walkman (TM) auf dem Fahrrad sieht die Sache anders: Systembedingt
> (Kopf/Ohrhoerer) ist die Lautstaerke im Ohr relativ zur Umgebung viel hoeher
> als bei einem normalen Autoradio. Natuerlich koennte man auch einen Walkman
> so leise stellen, aber das tut niemand (wirklich nicht).

nicht nur unfundiert, sondern definitiv falsch ist.

Ich habe dazu kürzlich (de.rec.fahrrad Nov 7 1992) geschrieben


] Hast Du schon mal versucht, Dich bei eingeschaltetem Autoradio durch
] die geschlossene Fensterscheibe mit jemandem zu unterhalten, der
] direkt neben dem Auto steht? Geht natuerlich nicht. Aber selbst
] bei einem ueber die Ohren gezogenen Stirnband, Kopfhoerern drueber
] und eingeschaltetem Walkman habe ich keinerlei Schwierigkeiten,
] ein Gespraech in normaler Lautstaerke zu fuehren.

und Heiner Schorn schlug kürzlich in einer Antwort auf Deine Nachricht ausführlich in dieselbe Kerbe.

Vorbemerkungen

Da ich den Eindruck habe, daß unsere Argumente, warum - wenn denn überhaupt - der Betrieb eines Autoradios ein stärkerer Verstoß gegen § 23.1 StVO ist als der Betrieb eines offenen Kopfhörers auf dem Rad, überhaupt nicht gehört, geschweige denn diskutiert werden, will ich mir eine nochmalige Wiederholung ersparen, und stattdessen meine Meinung mit ein paar Messungen belegen. Ich habe wenig Hoffnung, damit bei denen durchzudringen, denen es ohnehin nur darauf ankommt, sich auf die eine oder andere Weise in die Tasche zu lügen.

Mir ist aber aufgefallen, daß nicht nur viele Autofahrer, sondern auch manche Radfahrer in gutem Glauben (mangels besseren Wissens, um genau zu sein), dem Ammenmärchen vom auf dem Rad zu Recht verbotenen Walkman anhängen. Hauptsächlich an diese beiden Gruppen richtet sich der nachfolgende Text.

Bevor ich nun die Werte darstelle, die ich gemessen habe, noch ein paar Anmerkungen zum Problem selber. Man kann die Frage, ob Walkmanhören auf dem Rad gefährlicher ist als Autoradiohören im Auto, und ob es deswegen verboten ist, für ein eher belangloses juristisches Problemchen halten - das zu tun, steht jedem sicherlich frei. Ich selber tue mich etwas schwer mit so einer Haltung, aus mehreren Gründen.

Weder StVO noch StVZO enthalten ein explizites oder implizites Verbot, Kopfhörer zu benutzen. Die Frage ist deshalb in erster Linie eine technische, in zweiter Linie eine der Physiologie und erst dann, wenn das geklärt ist, eine juristische Fragestellung.

Belanglos könnte letztere sein, wenn in der Praxis Konsens darüber bestünde, daß sie nicht geregelt ist und auch kein Regelungsbedarf besteht. Genau das scheint aber nicht der Fall zu sein: sowohl was die Beantwortung der technischen Frage als auch die juristische Frage angeht, scheinen beide Meinungen vorhanden zu sein und auch energisch vertreten zu werden. Ausserdem werden offenbar - und das zählt letztendlich - tatsächlich Radfahrer polizeilicherseits am Tragen eines Kopfhörers gehindert, ob dies nun mit der StVO konform ist oder nicht.

Ich persönlich halte einen anderen Punkt für bedeutsamer, nämlich die Frage der Schuldzuweisung im Falle eines Unfalles. Und gerade hier vermag ich mich der allgegenwärtigen Haltung - man darf alles, man darf sich nur nicht erwischen lassen - nicht anzuschließen.

Angesichts der Tatsache, daß man als regelmäßiger Alltagsradler, der sich seine Ziele und Wege nicht immer aussuchen kann und deswegen einer Reihe von Unfallrisiken zwangsweise ausgesetzt ist, denen man sich ohne Regelverstoß (z.B. Fahren entgegen der Einbahnstraße, Überfahren einer roten Ampel, Nichtbenutzung eines Radwegs) kaum entziehen kann, muß man Sorge tragen, bei einem Unfall nicht aus an den Haaren herbeigezogenen Gründen einen Teil der Schuld zugewiesen zu bekommen.

Und deswegen ist das Problem auch aus rechtlicher Sicht durchaus nicht belanglos.

Bleibt die Frage, ob es sich überhaupt lohnt, für die Erhaltung des Rechtes, beim Radfahren Radio zu hören, einzutreten und Gründe für seinen Erhalt zu sammeln.

Ich finde, ja. Es gibt viele gute Gründe - die ich hier aussparen möchte -, die für eine massive Förderung des Radverkehrs sprechen.

Diese Förderung des Radverkehrs kann m.E. nur dann stattfinden, wenn Radfahren genau so bequem, sicher und komfortabel wird, wie es die Leute inzwischen bei anderen Verkehrsmitteln als Besitzstand betrachten, wobei i.d.R. das Auto als Vergleichsmaßstab herangezogen wird. Also gehören dazu glatte, breite Wege, angemessene Kurvenradien, vernünftige Vorfahrtsregeln und geeignete Abstellanlagen. Dazu gehören aber auch Bequemlichkeiten wie die, bei der Fahrt zur Arbeit die Nachrichten hören zu können, oder sich bei der Rückfahrt mit ein wenig Musik auf den Feierabend einzustimmen.

Es spricht wenig dafür, die Radfahrer zu einer Askese zu zwingen, die jeder Autofahrer im Brustton der Überzeugung als Eingriff in seine persönliche Freiheit zurückweisen würde. Es spricht sogar manches dagegen, wäre doch der Eingriff in die persönliche Freiheit beim Rad ungleich schwerwiegender als beim Auto, verböte man den Gebrauch eines Radios oder Abspielgerätes. Dabei spielt nicht nur eine Rolle, daß es beim Auto um eine sowohl absolut als auch relativ gesehen größere Gefährdung geht, sondern auch, daß bei längeren Strecken - und um die geht es ja hauptsächlich, niemand wird sich für 500 m einen Walkman ueberstülpen, der Radfahrer viel länger auf dem Rad sitzt als der Autofahrer im Auto, was das Interesse steigert, die Fahrzeit auch z.B. zum Radiohören zu nutzen. Dies um so mehr, als die derzeitige Verdrängung des Radverkehrs auf bisweilen zwar verkehrsarme, aber auch umwegbehaftete Wegstrecken, die oft eine zügige Fahrt kaum zulassen (ungenügend abgesenkte Bordsteinkanten, Wartezeiten vor nachrangigen Verkehrsampeln) zur Folge hat, daß man als Radfahrer auf einer längeren Strecke reichlich Wegstücke zurückzulegen hat, die nicht dauernd die volle Aufmerksamkeit erfordern.

Nimmt man hinzu, daß ein Walkman auf dem Rad den sensorischen Zugang zur Umgebung weit weniger beeinträchtigt als die Blechhülle samt leistungsstarker Stereoanlage im Innern, so bin ich überzeugt, daß man als Radfahrer genug gute Gründe hat, auf seinem Recht zu bestehen.

In dieser Hinsicht bin ich allerdings durchaus nicht blauäugig - Politiker, Verkehrsplaner, Gesetzgeber und Richter lassen sich erfahrungsgemäß durch Fakten und Argumente nur recht wenig beeinflussen, wenn es gilt, den Radverkehr zu reglementieren. Aber ich bin optimistisch genug zu hoffen, daß durch Aufklärung und durch die Arbeit der diversen Verkehrsverbaende, zuallererst ADFC und VCD, auf die Dauer auch die Betonköpfe etwas über den nichtmotorisierten Individualverkehr lernen.


Technischer Teil

Nun aber zum technischen Teil. Ich habe vor ein paar Wochen einige Messungen gemacht, mit denen ich herausfinden wollte, welche Beeinträchtigung des Gehörs

besteht. Die Ergebnisse haben mich selber überrascht, weil sie in der Tendenz nicht nur das bestätigen, was ich hier kürzlich behauptet habe, sondern weit darüber hinausgehen.

Ich habe mit nicht geeichtem Messgerät und nur die gerade verfügbaren Geräte (Auto, Walkman, Stereoanlage, Klingel, Kopfhörer) gemessen, deswegen sollte man die Zahlen nur exemplarisch und nicht als Ergebnis von Messwertreihen verstehen. Aber dies macht sie nicht wertlos, weil sie durchaus Aufschluß über Größenordnungen geben. Genauso wie ich einen - nicht genormten - Zollstock an meinen Fahrradlenker und danach an den nächsten PKW halten kann, um nach einer Division zu dem Schluss zu kommen, daß PKWs ungefähr doppelt so breit sind wie Fahrräder (also nicht z.B. genau so oder vier mal so breit), so kann ich mit einer gewissen Sicherheit annehmen, daß die tatsächlichen Verhältnisse in der Größenordung ungefähr so sind, wie ich sie exemplarisch gemessen habe.

Als Messgeraet habe ich ein NM-3, das ich von Conrad bezogen habe, verwendet. Es hat einen Messbereich von 40 - 110 dB, wahlweise ungefiltert dB(C) oder bewertet dB(A).

Welche Dämpfung bewirkt eine Autokarosserie?

Versuch

Auto (Saab, knapp zehn Jahre alt, mit leicht defekten Türdichtungen, was aber offenbar kaum eine Rolle gespielt hat) auf einem Parkplatz in offenem Gelände (so daß Reflexionen keine Rolle spielen dürften).

Fahrrad mit großer chinesischer Klingel (das ist eines der lautesten erhältlichen und zulässigen Exemplare), direkt vor dem linken Scheinwerfer des Autos plaziert.

Messung einmal mit geöffneter Tür durch den sich ergebenden Türspalt, d.h. der Schall muss keinen Umweg machen, und aus etwa derselben Position im Fahrzeug mit geschlossener Tür.

Messung bei kontinuierlich betätigter Klingel. Kräftig, aber nicht übermäßig betätigt, dürfte das die maximal auf dem Rad beim Fahren erreichbare Lautstärke sein.

Ergebnis

Bei geöffneter Türe ergab sich im Auto eine Lautstärke der Klingel von ca. 75 dB(A).

Bei geschlossener Türe (Motor aus, Radio aus) schlug das verwendete Meßgerät überhaupt nicht mehr aus, m.a.W. der Wert lag unterhalb von 40 dB(A), die das Gerät noch zuverlässig registriert.

Es ergibt sich also, daß Karosserie und Scheiben eine

Dämpfung von etwa 35 dB

bewirken. Diese Zahl erscheint mir sehr hoch, Einfachfenster mit Isolierverglasung der Schallschutzklasse 2 (VDI2718) müssen nur 30 dB erreichen. Aber sie hat sich trotz mehrfachen Nachmessens nicht geändert.

Welche Parameter hat ein offener Kopfhörer?

Versuch, die akustischen Eigenschaften, u.a. die Dämpfung des Kopfhörers, den ich normalerweise auf dem Rad trage, mit Hilfe des obigen Meßgerätes zu messen.

Typ des Kopfhörers: AIWA HP-A270.

1. Versuch:

Direkter Vergleich der Lautstärke mit und ohne Kopfhörer

Stereoanlage im Wohnzimmer, 2-3 m Abstand, irgendeine U-Musik mit eingermassen konstantem Schallpegel - das erleichtert das Messen - laut aber nicht unangenehm: 60-65 dB(A). Deutlich mehr als 70 dB(A) empfinde ich in der Wohnung schon als unangenehm. Walkman-Kopfhörer in normaler Trageposition, subjektiv auf gleiche Lautstärke eingestellt (bei ausgeschalteter Stereoanlage), dann mit in das Polster eingedrücktem Mikrofon des Meßgerätes (d.h. auch seitlicher Abschluss durch das Polster, was bei Ohren i.d.R. nicht ganz zutrifft): ebenfalls 60-65 dB(A).

Kontrolle durch gleichzeitigen Betrieb beider Tonquellen: subjektiver Eindruck, beide Quellen seien ungefaehr gleich laut, beide gleich gut bzw. schlecht hoerbar.

Ergebnis

Stereo-Anlage und Kopfhoerer produzieren bei gleich laut empfundenem Signal auch messtechnisch gleich laute Signale und der Kopfhörer hat anscheinend keine hörbare Dämpfung, sonst müsste nämlich im letzten Teilversuch die Kopfhörermusik erkennbar lauter sein als die Hintergrundmusik. Das war sie aber nicht.

2. Versuch

Beeinflussung der Hörschwelle

Schallquelle: Test-CD über Stereoanlage, 1kHz-Signal auf beiden Lautsprechern.

Herunterregeln der Lautstärke bis zur Grenze der Hörbarkeit, dann Aufsetzen des Kopfhörers: der Ton ist immer noch hörbar.

Ergebnis

auch hier: keine meßbare Beeinträchtigung des Hörvermögens durch die Dämpfung durch den Kopfhörer.

3. Versuch

Direktes Messen der Dämpfung

Schallquelle: Test-CD ueber Stereoanlage, 1kHz-Signal auf beiden Lautsprechern.

Messen der Lautstärke in Abstand von mehreren Metern,

Unterschied < 2 dB, kaum reproduzierbar.

Dämpfung des Kopfhörers, zusammengefasstes Ergebnis:

Eine Dämpfung durch diesen Kopfhörer - ein durchaus typischer Walkmankopfhörer - ist praktisch nicht messbar, sie dürfte unterhalb von 2 dB liegen. 2 dB ist übrigens auch ungefähr das Auflösungsvermögen des menschlichen Ohres für Lautstärken.

Wie laut ist ein Walkman für den Hörer

Versuch

Hochregeln bei aufgesetztem Kopfhörer, bis die Lautstärke als ausgesprochen unangenehm empfunden wird, dann messen: ca. 75 dB(A).

Dies stimmt mit dem Wert für die Stereoanlage überein. Mit Kopfhörer hoert man also nicht automatisch lauter. (Ich jedenfalls nicht).

Hochregeln auf Maximalanschlag und lautem Musikstück: etwas über 90 dB(A).

Versuchsweise habe ich den Kopfhörer aufgesetzt, das aber schnell abgebrochen, weil es schmerzhaft war.

Notwendige Lautstärkeunterschiede

Messaufbau:

Martinshorn, mit programmierter elektronischer Orgel simuliert, Stereoanlage, CD-Spieler und Kassettenrekorder. Messung aus ein paar Metern Abstand von beiden.

1. Versuch

Musik von der CD und Orgel einregeln, bis sich am Meßpunkt gleiche Lautstärke ergibt. Dann Musik hochregeln, bis das Einschalten der Orgel (von Hilfsperson betätigt) ohne Hinschauen nicht mehr erkannt wird. Lautstärke noch mal messen.

Ergebnis

Ab etwa 10 dB Lautstärkedifferenz ist das Signal von der Orgel nicht mehr sicher erkennbar, wobei dies sehr stark von der Unterschiedlichkeit oder Ähnlichkeit der beiden Tonquellen abhaengt.

2. Versuch

Wann verschwindet ein Tonsignal im Störgeräusch, m.a.W. wie laut muss man das Radio stellen, wenn man den Text noch verstehen will? Wie ist es bei Musik?

Hier habe ich verschiedene Aufbauten probiert - zweites Radio mit Nachrichtensendung usw., aber keine besonders gut reproduzierbaren Resultate erhalten.

Insgesamt war aber mein Eindruck, daß - sofern nicht das Richtungshören mitspielt - Sprache, die 5 dB leiser ist als die Stöergeräusche, noch gut zu verstehen ist. Musik hingegen muss man schon fast auf den Pegel des Störgeräusches bringen, um sie halbwegs mit Genuß hören zu können, wobei ich schon eine geringe Differenz nach oben (also 2-5 dB über dem Störpegel) bei hoher Lautstärke als ausreichend empfinde, um die Musik "ungestört" hören zu können.

Zum Abschluß dieser Messungen noch eine Kontrolle des Meßgerätes:

2 Signale: 0 dB und -20 dB von der Test-CD.

Regulierung der Anlage, so daß Meßgerät bei 0 dB 70 dB(A) anzeigt. Nun Wechsel zu -20 dB an der Schallquelle und Umschalten des Meßgerätes auf gleichen Ausschlag bei 50 dB(A). Fehler der Anzeige in diesem Fall < 1 dB.

Ein paar Vergleichswerte, die ich bei anderen Gelegenheiten maß:

Laute, vierspurige Straße, wenn ~50 km/h gefahren wird: 75 dB(A). Wenn LKWs dabei sind oder schneller gefahren wird, bis rauf zu 80 dB(A) und mehr.

Fahrgeräusche im PKW (nicht der obige Saab)

20 km/h 2. Gang 55 dB (A)
30 km/h 2. Gang 58-62 dB (A)
60 km/h 4. Gang 62-63 dB (A)
60 km/h 3. Gang 65-70 dB (A)

Und noch ein paar Zahlen

Paragraph (55 StVZO) sagt: eine Hupe darf aus 7 Meter Entfernung gemessen nicht lauter als 105 db(A) sein.

Gewerbliche Ohrschützer für das Arbeiten in lauter Umgebung leisten um die 20 dB Dämpfung. Im Katalog von Schäfer habe ich drei Modelle, für die 20, 22 und 23 dB angegeben war, gefunden.

Zusammenfassung

Zusammenfassung und Auswertung

Es ist vielleicht aufgefallen, daß ich überhaupt nicht gemessen habe, wie laut ein Autoradio im Auto bei den verschiedenen Gelegenheiten betrieben wird, obwohl das doch der Anknüpfungspunkt war. Warum?

Nun, eigentlich ist die Sache ganz einfach:

Schon bei ausgeschaltetem Autoradio kann ein Autofahrer ein Warnsignal wie z.B. das Klingeln eines Radfahrers, dem er gerade die Vorfahrt nimmt, nicht hören. Die ungefähr 40 dB(A), die vom Klingeln im Auto bestenfalls noch ankommen, verschwinden in den 20 dB lauteren Betriebsgeräuschen des Autos.

Nehmen wir hingegen jemanden, der auf einer verkehrsreichen Straße (80 dB(A)) mit dem Fahrrad fährt und dabei den Walkman soweit aufdreht, daß er Sprache noch versteht, also um etwa 5 dB leiser: 75 dB(A), dann kann er die besagte Fahrradklingel, die 5 dB leiser ist als der allgemeine Straßenverkehrslärm, immer noch hören, denn sie ist dann genau so laut wie das, was er im Kopfhörer hört. Daran ändert sich auch nichts, wenn er den Walkman bis auf 85 dB(A), also 5 dB *über* dem Straßenlärmpegel aufdreht, dann ist allerdings die Grenze von 10 dB Differenz erreicht.

Die Dämpfung durch den Kopfhörer ist dabei unerheblich, weil sie nichts an der Lautstaerkedifferenz ändert: dämpft der Kopfhörer z.B. um 3 dB, so dreht der Radfahrer den Walkman entsprechend auf 72 dB(A) herunter und hört dann wiederum Klingel und Kopfhoerersignal mit gleichem Pegel. Lediglich bei sehr starker Dämpfung durch den Kopfhoerer - wie sie aber nur bei schweren Ohrenschutzgeräten vorkommt - wäre zu befürchten, daß der Walkman auf mehr als 10 dB Lautstärkeunterschied zur Umgebung aufgedreht und damit Verhältnisse wie im geschlossenen Auto hergestellt werden. Zumindest mit dem Kopfhörer und Walkman, den ich für die vorliegenden Messungen benutzt habe, und den ich bisweilen auf der Fahrt zur Arbeit benutzt habe, ist das aber technisch auszuschliessen: mehr als 90 dB(A) ist damit gar nicht erreichbar.


Also hört ein Radfahrer mit Walkman auch unter ungünstigen Umständen das Warnsignal, das ein Autofahrer selbst unter günstigen Umständen gar nicht wahrnehmen kann. Ein eingeschaltetes Autoradio verschlechtert das ohnehin schlechte Wahrnehmungsvermögen des Autofahrers um weitere ungefähre 5 dB, wenn wir, wie wir dies ja auch beim Radfahrer getan haben, annehmen, daß er es nur gerade so laut aufdreht, daß die Sprachverständlichkeit hergestellt wird. Tun wir dies nicht, so müssen wir annehmen, daß der Autofahrer aufgrund der über 30 dB besseren Däempfung zur Umgebung die Warnsignale mit seinem Radio weit einfacher überdecken kann als der Radfahrer, bei dem relativ schnell die Schmerzgrenze der weiteren Erhöhung der Lautstärke eine Grenze setzt.


Ergebnis

Ich habe also von meinem eingangs zitierten Vorschlag nichts zurückzunehmen, im Gegenteil: wer aus § 23.1 StVO schließt, der Gebrauch eines Walkman auf dem Rad sei verboten, muß eigentlich auch folgern, daß Autos nur mit heruntergekurbelten Fensterscheiben gefahren werden dürfen.

(Da meine Signatur sich bis auf die Postleitzahl nicht geändert hat, spare ich mir das Zitieren der alten Fassung. Außerdem ist's eh unfein.:)


      o      (     Wolfgang Strobl    Wolfgang.Strobl@gmd.de (+49 2241) 14-2394
     /\        *   GMD mbH 
   _`\ `_<===      Schloss Birlinghoven, P.O. Box 1316, | #include
__(_)/_(_)___.-._  53754 Sankt Augustin, Germany        |  <std.disclaimer.hpp>

© 1992,1997 by Wolfgang Strobl, alle Rechte vorbehalten