From
     
     : 		Wolfgang.Strobl@gmd.de (Wolfgang Strobl)
     
      Newsgroups
     
     : 	de.rec.fahrrad
     
      Subject
     
     : 		Re: Helmpflicht bei der TdF
     
      Date
     
     : 		Wed, 29 Jul 1998 01:25:09 GMT
    
   

Tris@gmx.net (Stephan Wenzel) wrote:

>Am Tue, 28 Jul 1998 16:27:50 GMT, Wolfgang.Strobl@ gmd.de (Wolfgang
>Strobl) schreibt:
>
>>PS: ich kann mir dennoch nicht verkneifen darauf hinzuweisen, 
>[schnippel]
>
>...als ob das irgendjemand hier verwundern würde ;-)
>
>Aber btw: Erinnerst Du dich, daß ich dir vor ca. 8 Monaten mal eine
>Studie über die Schwere von SHT mit/ohne Helm unserer Unfallklinik
>(Klinik am Eichert/Göppingen)  geschickt habe ? Was ist daraus
>geworden, hast Du das mal analysiert ?

Ja, sie wurde sogar kurze Zeit später heftig auf der ADFC-Mailing-Liste
diskutiert.  Mir war allerdings zu dem Zeitpunkt die Identität der
Studie, von der jemand dort behauptete, damit sein nun die Wirksamkeit
von Helmen bewiesen, und dem, was Du mir zugeschickt hattest, nicht klar
(wenngleich ich natürlich davon profitierte, daß ich sie früher schon
mal in der Hand hatte). Und später habe ich es dann ganz vergessen.
Sorry. Ich hol's nach, indem ich die Texte, die ich dazu schrieb, hier
anhänge, wobei ich die Namen meiner Diskussionpartner hier lösche, weil
ich die Leute nicht ungefragt exponieren möchte. Andererseits wird mein
Text ohne die jeweiligen Stichworte zu schwer verständlich. 

    <snip>
    
     Von
    
    :              Wolfgang Strobl@gmd.de
    
     Datum
    
    :            Tue, 17 Mar 1998 17:15:07 +0000
    
     Betreff
    
    :          Re: Helme
   


Am  6 Mar 98 um 16:41 hat nn geschrieben:

> Am  6 Mar 98 / 10:01  schrieb nn

> > Aber meine Frage: Gibt
> > es unabhaengige und vor allem glaubwuerdige Studien ueber die rein
> > technische Frage, ob ein Helm bei einem Unfall mit und/oder ohne
> > weiteren Beteiligten schuetzt, keine Wirkung hat oder
> > schadet/schaden kann?

> Ja, im Unfallkrankenhaus in Goeppingen, Klinik am Eichert haben sie
> solche Studien gemacht. Eine ist veroeffentlicht im "Unfallchirurg"
> (aus den 80 ern) 

Die mir nun vorliegende Studie (Dank an Ingo Keck, der auch diese
hier  rausgesucht hat) ist nicht aus den 80ern, sondern von 1996,
also relativ neu.  Sie basiert auf "Untersuchungen von 76
Fahrradfahrern, die im Kalenderjahr 1994 verunglückten und in der
Unfallchirurgischen Klinik am Eichert in Göppingen stationär
behandelt worden waren".


>genaues Zitat koennte ich raussuchen.
> Eine neuere gibt es auch, da habe ich das genaue Zitat noch nicht.

Halten wir fest: "da habe ich das genaue Zitat noch nicht".  Bleiben 
wir also lieber bei der Studie, aus der nn seine Weisheiten, die 
er hier offensiv vertritt, bezog.

Er schreibt in dieser Nachricht weiter unten

> Die meisten Unfaelle aus der Goeppinger Studie ( 70 %) waren uebrigens
> Alleinunfaelle. Der ueberwiegende Anteil der Toten erliegt Kopfverletzungen.

Drei Tage später schrieb er auf meinen Einwand

>> Dabei braucht man nicht mal die Studie zu kennen, um zu 
>> wissen, wo man suchen muß. Ganz kurz (auch weil sich 
>> detaillierte Spekulationen nicht lohnen, diesbezüglichen Aufwand
>> steckte man wohl besser darin, die Studie selber
>> auseinanderzunehmen): die Fallzahlen sind einfach nicht hoch  genug,
>> um an einem einzigen Krankenhaus zu signifikanten Ergebnissen  bei
>> den tödlichen Kopfverletzungen zu kommen. So gefährlich ist
>> Radfahren Gott sei Dank immer noch nicht.

den folgenden Absatz

>Signifikanz ist ein statistisch mathematischer Begriff der nicht
>beliebig einer Studie zugeschrieben werden kann.
>Laut Aussage der
>Studie war die Aussage moeglich: Mit einer Irtumswahrscheinlichkeit
>von 5% ist die Aussage zulaessig: ein Helm reduziert die
>Wahrscheinlichkeit einer Kopfverletzung. Die noetigen Fallzahlen in
>den einzelen Tabellenfelder kann man dabei ganz genau angeben.

Hierzu ist nun zu sagen, daß die Studie von '96, um die sich die
Diskussion drehte, kein einziges Wort zu Signifikanzen verliert, und
das aus gutem Grunde, da sie, wie ich zutreffend vermutete, mit
winzigsten Fallzahlen arbeitet. 

Die imposante Tabelle "Alterverteilung der Patienten unter 18 Jahren
mit Helm, ohne Helm)", beispielsweise, sieht nur so lange imposant
aus, bis man sich die Skaleneinteilung der Ordinate anschaut, und da
die Ziffern eins, zwei, drei und vier entdeckt. Richtig: das
abgedruckte Balkendiagramm (Abb. 2) weist getreulich aus: 
einjährige Helmträger: Null, zweijährige Helmträger: Null,
dreijährige Helmträger: Null, vierjährige Helmträger: Null,
fünfjährige Helmträger: Null, sechsjährige Helmträger: Eins,
siebenjährige Helmträger: Eins, achtjährige Helmträger: Null,
neunjährige Helmträger: Null, zehnjährige Helmträger: Null,
elfjährige Helmträger: Null, zwölfjährige Helmträger: Null,
dreizehhjährige Helmträger: Eins, vierzehnjährige Helmträger: Null,
fünfzehnjährige Helmträger: Null, sechzehnjährige Helmträger: Null,
achzehnzehnjährige Helmträger: Null.

Das fällt alles natürlich etwas weniger ins Auge, da sich durch die 
gleichzeitig aufgeführten Nichthelmträger (mit Besetzungszahlen bis 
vier) und die extrem gestreckte Skala ein durchaus normal aussehendes 
Balkendiagramm ergibt. 

Jeder, der auch nur Elementarkenntnisse in angewandter Statisik hat,
sieht den Zahlen aber sofort an, daß sie nicht nur im streng
mathematischen, sondern auch in jedem anderen praktischen Sinne
keinerlei Relevanz, keinerlei "Signifikanz" haben, was die
Wirksamkeit von Helmen angeht.  Das hindert die Autoren (Kelsch,
Helber, Ulrich, die Namen muß man sich wohl merken) aber nicht
daran, in ihrer Studie wilde Schlußfolgerungen zu ziehen: "Alle
Patienten, die einen Schutzhelm trugen, überlebten, dagegen starben
2 Personen /(3%), die keinen Schutzhelm trugen, an ihren
Verletzungen. Demnach kann der Schutzhelm die Inzidenz und die
Schwere eines SHT deutlich verringern".

Dies bei 76 Patienten, von denen insgesamt nur 13, also 17% einen 
Schutzhelm trugen! Meine Güte, hier reicht doch schon die 
Volksschularithmetik, um zu erkennen, daß dieser Schlußfolgerung 
aber auch wirklich jede Grundlage fehlt.

Nehmen wir an, daß das Todesrisiko eines normalen, unbehelmt 
verunglückten Radfahrers, der in Göppingen im Krankenhaus auftaucht, 
rund 3 % ist. (2/63 ~ 3%). Dann ist bei dreizehn Helmträgern zu 
erwarten, daß 3% von 13, also weniger als ein halber Radfahrer 
(genau:0,41) stirbt, WENN DER HELM ÜBERHAUPT KEINE WIRKUNG HAT.

Diese Zahlen sind einfach aufgrund der Tatsache, daß hier überwiegend 
Leute betrachtet wurden, die OHNE Helm radfuhren und verunglückten, 
konsistent mit fast jeder Aussage über Helme, insofern, als sie nicht 
in WIDERSPRUCH dazu stehen. Allerdings sind diese Aussagen eben 
auch nicht signifikant, ihr Gegenteil ist praktisch genau so 
wahrscheinlich. Im Grunde ist das, was die Herren Kelsch, Helber und 
Ulrich hier gemacht haben, reine Kaffeesatzleserei, vom Standpunkt 
der statistischen Bewertung aus gesehen, jedenfalls.

Üblicherweise arbeiten seriöse Mediziner nicht mit solchen Tricks,
ich kenne solche Methoden sonst nur aus dem Bereich der
Pseudoscience, von Leuten, die Bachblütentherapien, Bioresonanzgeräte
oder Patent-Benzinspargeräte verkaufen wollen, und sich zu diesem
Behufe imposant klingende Behauptungen ausdenken, die aber kaum zu
widerlegen sind, weil sie eben (jedenfalls in einem formalen Sinne)
nicht falsch sind, sondern nur bewußt irreführend.

     "Garantierte Einsparungen im Bereich von 
     0-17%, bei über zwei Drittel der mit unserem
     Patentierten Funkoolator ausgerüsteten Zünd-
     anlagen. [sprich: bei 2/3 % tut sich gar nichts, bei
     knapp 1/3 gibts einen Mehrverbrauch]. Wenn
     Sie nur 1/2 Liter weniger verbrauchen, sparen Sie
     mit unserem Gerät mit einem Einsatz von DM 76,90 
     über DM 1000 pro Jahr, garantiert! [Stimmt - wenn]"

Woher diese Tendenz zum Pfusch in diesem Fall (auch in diesem Fall) 
kommt, kann ich nur mutmaßen. Ich vermute, es liegt daran, daß man in 
diesem Bereich nichts falsch machen kann: das Ergebnis ist 
praktisch schon vorgegeben, und es wird (von einer kleinen
kritischen Minderheit abgesehen) von allen Seiten akzeptiert, und das 
sowohl in der Fachöffentlichkeit als auch beim allgemeinen Publikum. 
Was kann sich denn jemand, der seine Literaturliste ein wenig 
verlängern will, mehr wünschen? Wer Zellkulturen auszählt und daraus 
auf die Wirksamkeit eines bestimmten Medikaments schlußfolgert, hat 
Arbeit, und hat ein Risiko, dem Hersteller gegenüber, und gegenüber 
dem Patienten. Wer hier pfuscht, tut das nicht lange. Aber solche 
Arbeiten wie diese da, die kosten erkennbar noch weniger Arbeit, als 
ich mir mit dem Durchlesen der paar Seiten gemacht habe, und das 
Ergebnis kommt an, wenn es im Schema bleibt. Und wer weiß, vielleicht 
kann man mit den wilden Behauptungen ja sogar eine ganze Serie von 
Nachfolgestudien herausleiern. Bei Thompson und Rivara 
hat das so funktioniert, warum soll es nicht noch mal funktionieren? 
Außerdem geht man ja, wie gesagt, kein Risiko damit ein, der Einsatz 
ist mehr als gering.


Die veröffentlichten Zahlen geben aber trotz einiger bemerkenswerter
Auslassungen durchaus auch ein paar interessante Aussagen bzw.
Anhaltspunkte über Radfahren und Helmtragen her, wer hier untersucht
wurde und welche Effekte erkennbar auftraten, Anhaltspunkte, die
aber der zentralen These in Abstract und Diskussion des Papers
diametral entgegengesetzt sind. Aber das will ich in Ruhe
auseinanderklamüsern, bevor ich es im Detail beschreibe. 

Hier möchte ich nur zusammengefasst feststellen, daß dieses Papier 
jedenfalls in keiner Weise von dem beobachteten Trend: 
Pro-Helmstudien sind Schund, weil vorgefasste Meinungen mit 
windigsten statistischen Methoden (oder auch, wie in diesem Papier, 
ganz ohne jede Methode) versuchen, die "Bedeutung des Schutzhelms 
darzulegen". 

Dieser hier ist darüberhinaus auch noch vorzuwerfen, daß 
schon aus diesem Nichts an Zahlenmaterial heraus ganz konkret 
Verkehrspolitik betrieben wird, indem explizit die Forderung 
nach einer Schutzhelmpflicht aufgestellt wird, "aufgrund (!) der 
geringen Akzeptanz in der Bevölkerung" , und das dann auch noch an 
ausgesprochen prominenter Stelle, nämlich im Abstract.

Der steht dann nämlich in den Online-Systemen und ist meistens das
Einzige ist, was die Leute von den Studien zu sehen bekommen, wenn 
sie ihre themenbezogenen Literaturlisten zusammenstellen. 


Von :              Wolfgang Strobl
Datum :            Tue, 17 Mar 1998 17:54:44 +0000
Betreff :          Re: Helme


Am 17 Mar 98 um 15:04 hat nn geschrieben:

> - (Ebenso) "Trotz dieser Ergebnisse ist die Akzeptanz des Schutzhelms
>   in der Bevölkerung niedrig [4]." Dies schreiben sie und werden nicht
>   bei 17% Helmtragequote unter ihren Patienten stutzig. Ich habe schon in
>   meiner letzten Mail gefragt, ob dies realistisch ist. Meiner
>   persöhnlichen Einschätzung zufolge sind es eher unter 10%. Falls meine
>   Schätzung realistisch ist und sie auch 1994 auf Göppingen zutraf,
>   kann man tatsächlich folgern, daß Helmträger häufiger ins Krankenhaus
>   kommen (warum auch immer).

Hervorragend. Du hast die wesentliche Schwachstelle dieser Studie
gefunden. Mir liegt eine in RadMarkt 1/97 im Rahmen
einer Pro-Helm-Kampagne veröffentlichte Statistik über die
Helmtragequote in Deutschland (nach Jahren von 92 bis 95 und in acht
Altersklassen aufgeschlüsselt) vor (genaue Quelle auf Anfrage), die
mir einigermaßen seriös erscheint. Sie gibt für das Jahr 1994 z.B. an
(aus einer Graphik abgelesen)

    
     bis 5	6-10	11-16	17-21	22-30	31-40	41-60	ab 61
    
    56%	30%	7%	3%	3%	3%	2%	2%
   


Im Vergleich dazu hat die Göppinger Studie bei den Kinden und
Jugendlichen eine Helmtragequote von 12% (3 von 25, hmmm, naja), bei
den Erwachsenen aber von 20% (10 von 51)!  Wenn man nun noch
hinzunimmt, daß zehn der dreizehn Helmträger (also fast alle) zu den
ingesamt 18 Rennradfahren gehört, kann man schon mutmaßen, daß
irgendein Rennsportclub seine mehrheitlich behelmten Unfallopfer
vorzugsweise in die Klinik am Eichert fährt, (oder daß irgend ein
anderer systematischer Einfluß vorliegt, den wir nicht kennen) und
daß die Studie über das Kopfverletzungsrisiko (und über Helme) im
alltäglichen Radfahren schlicht überhaupt nichts aussagen kann, da
dieses Publikum in dem 76-Personen-Sample nicht angemessen (wenn
überhaupt) repräsentiert war, sondern i.W. Sportfahrer.

Würde man aber genau so halsbrecherisch und Hals-über-Kopf
schlußfolgern ("It is remarkable that more serious head injuries did
not occur in the helmet group" - das nennt man entweder "jumping to
conclusions", oder merkwürdiges Englisch) wie diese Studie es tut,
so würde man in der Tat sagen:

Helmtragequote in der Bevölkerung in dieser Altersgruppe ca 3 %,
Helmtragequote beim Erscheinen in der Klinik in Göppingen: 20%, also
erhöht das Helmtragen das Verletzungsrisiko um mehr als den Faktor
sechs, auf über 600 %! Oder anders ausgedrückt: keinen Helm zu tragen
verhindert 85% aller Verletzungen. (Ahh, diese magischen 85%! Dieses
Ergebnis _muß_ richtig sein!).

    <snip>

-- 
Radhelme sind die Bachblüten des Straßenverkehrs
   

© 1998,1999, 2000 Wolfgang Strobl mailto:ws@mystrobl.de


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