Ansichten eines Radwegs - August '99

Bonn Reuterstraße

Inzwischen (Stand Ende August '99) sieht der neue Radweg entlang der Bonner Reuterstraße so wie auf den folgenden drei Photos abgebildet aus.

Man beachte die hervorragende Qualität, die Übersichtlichkeit und insbesondere auch den Füllungsgrad der Fahrbahn morgens um neun Uhr. Die letzten hundert Jahre durfte man auf dieser Straße unbehelligt radfahren, und auf dem Bürgersteig unbehelligt zu Fuß gehen, auch nach ihrem Umbau zur sog. "Diplomatenrennbahn" im Jahre '60. Erst seit drei Jahren ist es Radfahrern strikt und unter Strafandrohung verboten, man quetscht sie jetzt zusammen mit den Fußgängern auf den schon für Fußgängerverkehr zu schmalen Bürgersteig.

Wie man es schafft, diese Ghettoisierung dann als "Fahrradförderung" auszugeben, ist mir ein völliges Rätsel.

Welcher Führerscheininhaber kann eigentlich glauben, daß man, egal mit welchem Fahrzeug, auf diesem Fußweg, den man zu einem Radweg umgeschildert hat, bequemer, zügiger und sicherer fahren kann als auf der Fahrbahn? Hier gibt es nur ein verständliches Motiv: diese schöne Fahrbahn möchte ich ganz für mich alleine haben, damit ich da mit dem Auto noch schneller fahren kann .

Aber ist das ein legitimes Motiv, wenn die Interessen der Radfahrer und die Fußgänger dabei buchstäblich unter die Räder kommen?


Oder aus einer etwas anderen Perspektive, etwa der eines schulpflichtigen Kindes, sieht das so aus.

Dort, wo der Pfosten steht, ist rechter Hand eine breite Einfahrt und ein Parkplatz. Stellen Sie sich vor, Ihr Kind fährt hier "gut geschützt vor dem gefährlichen Autoverkehr" geradeaus zur Schule (200 m weiter ist auf dieser Straßenseite eine Grundschule).

Stellen Sie sich vor, auf der vierspurigen Reuterstraße (auf der schnell gefahren wird, oft auch zu schnell) biegt ein Autofahrer wegen des nachdrängelnden Verkehrs etwas zu schnell rechts in diese Einfahrt ab.

Glauben Sie, daß dieser Autofahrer auch nur den Hauch einer Chance hat, Ihr unter Sichtschutz fahrendes Kind rechtzeitig zu sehen? Glauben Sie, es nützt etwas, wenn Sie Ihrem Kind einschärfen, an solchen Stellen abzusteigen und zu schieben, wo spätestens alle 50 Meter Kreuzungen oder solche Einfahrten zu Parkplätzen vorhanden sind?

So naiv können Sie nicht sein.  

 

 


Ein paar Meter weiter, noch vor der o.a. Grundschule: eine Hecke, die Sicht- und Sehkontakt zum Kfzverkehr verhindert, zwei Ausfahrten, fünf elegant mitten auf dem Weg verteilte mattschwarze Eisenpfosten, ein Baum als Sichthindernis, ein Hausvorsprung als Sichthindernis, eine Ampelpfosten samt Papierkorb mitten im Weg, eine große Kreuzung, wo der Radfahrer dem häufigen Abbiegeverkehr unvermittels vor die Räder geworfen wird, noch ein Pfosten, ein Wahlplakat als Sichthindernis - und das alles auf weniger als 50 Metern. Als Radfahrer bekommt man schon eine Menge für sein Geld geboten, eine Geisterbahn ist nichts dagegen!

Ich bedauere nur die Eltern, die ihre Kinder auf diesen Schulweg schicken müssen, egal ob zu Fuß oder mit dem Rädchen. Als meine Kinder dort die Grundschule besuchten, gab es diesen Horror-Radweg zum Glück noch nicht - sonst hätte ich mir fast überlegt, meine Kinder angesichts solcher Verhältnisse die 400 Meter doch lieber mit dem Auto zu bringen. Denn ab einem gewissen Punkt ist einem das Hemd dann doch näher als die Jacke.


Nachtrag vom 27.1.2000:

Die Poller kommen wahrscheinlich wieder weg!

Wem haben wir das zu verdanken? Ist unseren Politikern endlich klar geworden, wie gefährlich dieser Radweg ist? Daß der Platz auf diesem ehemaligen Fußweg in einem dicht besiedelten Wohnviertel mit viel Fußgängerverkehr kaum für Fußgänger reicht - geschweige denn für Radfahrer? Besser spät als nie?

Mitnichten . Ein Jogger ist gegen einen dieser Pfosten gerannt, und ein paar Anlieger möchten den Radweg (der eigentlich ein Fußweg ist) endlich wieder legal mit Auto oder Lkw befahren bzw. beparken können. Vielleicht war's auch umgekehrt.

Ist bei dieser Gelegenheit daran gedacht worden, daß aufgrund dieser Verhältnisse eine Benutzungspflicht dieses Radweges noch weniger gerechtfertigt ist als bisher?

Nicht daß ich wüsste. Der Presse zufolge sind weder die Politiker, noch diejenigen, die die Politiker in Bewegung gesetzt haben, auf die Idee gekommen, daß sich die Radfahrer am einfachsten vor diesen Gefahren schützen könnten, indem sie statt auf diesem unübersichtlichen Hindernisparcours auf der übersichtlichen Fahrbahn fahren - ganz so, wie sie es auch nach dem Umbau zur sog. Diplomatenrennbahn im Jahre 1960 bis 1997 konnten und durften .

Lediglich die Verwaltung scheint mit ihrer Äußerung, daß ein Beparken von Radwegen nicht gestattet werden  könne, zaghaft in diese Richtung zu deuten. Hier wäre aber besser Klartext gesprochen worden:


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