Fahrradmärchen , die Auflösung

Beim Fliegen muß man die Luft aus den Fahrradreifen lassen, sonst platzen sie im Frachtraum.

Blödsinn. Die meisten Fahrradreifen werden mit zwei, drei Bar aufgepumpt, bessere mit fünf, Rennradreifen sogar mit acht bis zehn Bar, halten aber meist viel mehr aus. Um wieviel steigt der relative Druck im Reifen, wenn draußen ein Vakuum herrscht? Richtig, um maximal ein Bar - das liegt, so wie die meisten Leute ihre Reifen aufpumpen (zu wenig!),  noch innerhalb der Meßtoleranz. Wer keine Angst hat, daß ihm der Reifen beim Aufpumpen um die Ohren fliegt, braucht auch im Flugzeug diese Sorge nicht zu haben. Warum viele Fluggesellschaften es trotzdem vorschreiben, aber viel empfindlichere Spraydosen etc. ohne einen solchen Zirkus durchlassen? Das frage ich mich auch.

Fahrradreifen mit abgefahrenem Profil sind gefährlich, besonders bei Regen. Aquaplaning droht!

Man schaue sich mal einen typischen Motorrad-Hinterradreifen an. Oder einen modernen M+S-Gürtelreifen beim Auto, am besten mit dem Zollstock in der Hand. Wie groß ist der Abstand zwischen zwei Profilrillen?

Profil bei Fahrradreifen ist beim Fahren auf Straßen überflüssig und verschlechtert nur die Fahreigenschaften, das Bremsvermögen und die Spurhaltung in der Kurve, auch bei Nässe. Zugegeben - Aquaplaning gibt es evtl. auch bei Fahrradreifen - so etwa ab 120 km/h Geschwindigkeit an aufwärts.

Warum werden trotzdem fast nur Fahrradreifen mit Profil verkauft? "Die Kunden wollen es so".

Wer ohne Helm vom Rad fällt, spielt mit seinem Leben

Wer ohne Helm eine Treppe hinunterfällt, erst recht. 1995 gab es in Deutschland nach Angaben des Statistischen Bundesamtes allein im Haushalt 5500 Todesfälle durch Sturz.   Das ist fast eine Größenordung mehr, als pro Jahr überhaupt Radfahrer im Straßenverkehr umkommen, und das dann meistens nicht durch Stürze, sondern durch Überfahrenwerden mit einem Kfz.

Spätestens wenn man sich zwischen Autos wagt, braucht man aber einen Helm

Der Sturzhelm heißt nicht umsonst Sturzhelm. Die durchschnittliche Geschwindigkeit, bei der eine Kollision Auto/Radfahrer (oder auch Auto/Fußgänger) üblicherweise stattfindet, liegt weit außerhalb des spezifizierten Wirkbereichs eines Leichsturzhelms, wie er für Radfahrer verkauft wird. Der Glaube, ein Helm hätte bei Kollisionen mit Autos eine zuverlässige Wirkung ist lebensgefährlich. Deshalb tragen Fußgänger keine Helme, wenn sie die Straße überqueren: es würde eh nichts nützen. Solche Kollisionen muß man vermeiden, statt sich mit untauglichen Mitteln darauf vorzubereiten. Dasselbe gilt auch für Radfahrer.

Und was die befürchtete Gefahr angeht: Radfahren ist statistisch gesehen nicht gefährlicher als Autofahren (wo ebenfalls die meisten Verkehrsopfer, wie es in der Pro-Helm-Propaganda anklagend heißt, "an einer Kopfverletzung sterben", trotz Gurt, trotz Airbag), und sehr viel weniger gefährlich als Zu-Fuß-Gehen.  Niemand trägt aber beim Wandern oder beim Autofahren einen Helm.

Kinder sind bei einem Sturz besonders gefährdet

Das ist ein recht geschicktes Spiel mit Worten. Richtig ist: Kinder sind besonders gefährdet, zu stürzen. Richtig ist aber auch: Kinder sind bei einem Sturz erheblich weniger gefährdet als Erwachsene, beispielsweise. Kein Grund, sie in Watte zu packen. Wer sie in Watte packt, sorgt nur dafür, daß sie die notwenigen Reflexe nicht in dem Alter erwerben, wo sie das noch einigermaßen ungefährdet tun können. Also Finger weg von Helmen und der ganzen Ritterrüstung bei alltäglichen Betätigungen, auch beim Radfahren. Wenn Sie etwas für die Sicherheit Ihres Kindes tun wollen, sorgen Sie für ordentliche Bremsen und halten Sie das Licht in Ordnung. Wenn Sie ein übriges tun wollen (und es sich als kompetenter Radfahrer zutrauen), verlassen sie gemeinsam mit Ihrem Kind möglichst schnell die Schonräume, und bringen Sie ihm das korrekte, geradlinige und deutliche Fahren auf der Fahrbahn bei.  Neben allem anderen vermeiden Sie so auch viele unnötige Stürze.

Kind, halt dich rechts, dann passiert dir nichts!

ist eine Empfehlung, die schon so manches Kind das Leben gekostet haben dürfte. Rechts, da lauern abgebröckelte Straßenränder, da lauert ein Gully nach dem anderen, um den das Kind unvorhergesehen herumkurvt, und insbesondere, da lauern unvorsichtig geöffnete Autotüren von geparkten Autos, die das sich vorsichtig am Straßenrand entlangdrückende Kind direkt vor das gerade überholende Auto werfen. Schnell, wie breit ist eine vollständig geöffnete Fahrertür eines typischen Zweitürers? Messen Sie nicht  nach, schätzen Sie erst mal. Um wie viel haben Sie sich verschätzt? Ehrlich?   Und bei der nächsten Tour, achten Sie doch mal darauf: wie viel Abstand hält Ihr Kind von parkenden Autos? Problem erkannt?

Kind, brems hinten!

Ausschließlich oder vorwiegend mit der Hinterradbremse bremsen ist sinnvoll - auf Schnee, auf Schmierseife und auf Glatteis. Im Normalfall ist die Hinterradbremse um so wirkungsloser, je mehr man bremst. Auf Asphalt läßt sich die maximale Bremsleitung nur mit der Vorderradbremse erzielen.   Sicher, wer wäre nicht schon mal durch unvorsichtiges Bremsen auf Schotter durch ein wegrutschendes Vorderrad zu Boden gegangen.  Die Konsquenz "Kind, brems hinten" ist aber ähnlich inkompetent und unsinnig, wie es die Maxime wäre "Vati bremst jetzt nur noch mit der Handbremse", wenn Vati mal einen Auffahrunfall verursacht hat, weil er "gepennt" hat.

Radwege sind sicher

Sicher ist nur eines: nur Radwege bieten die Gewähr, auf engstem Raum und in kürzester Zeit mit einer Vielzahl aufregender und anspruchsvoller Probleme und gefährlichen und ungewöhnlichen Aufgabenstellungen konfrontiert zu werden, für die man auf der Straße (genauer gesagt: auf der Fahrbahn) sonst viele hunderte von Kilometern und mit hohem Tempo fahren müsste. Näheres dazu bitte ich den "Fünfzig Gründen, einen Radweg nicht zu benutzen" ( Textversion ) zu entnehmen. Der Platz reicht hier einfach nicht aus, um das Thema auch nur anzureißen.

Straßen sind gefährlich

ist durchaus zutreffend. Das Leben überhaupt ist gefährlich. Falsch ist hingegen, daß es für einen normalen jugendlichen oder erwachsenen Radfahrer eine bessere und ungefährlichere Alternative gibt, als das Fahren auf der Fahrbahn einr Straße. Dort kann man darauf bauen, daß die üblichen Verkehrsregeln gelten, dort ist man sichtbar. Radwege und Radstreifen andererseits führen Radfahrer zwangsweise aus dem Sichtbereich des schnell fließenden Verkehrs heraus - und werfen sie an jeder Kreuzung den Autos wieder unerwartet vor die Reifen.   Darüberhinaus führt das Durchbrechen des sonst durchgängigen Ordnungsprinzip "Fahrzeuge werden nach gewünschter Fahrtrichtung und nach aktuell gefahrener Geschwindigkeit sortiert" zu einer Vielzahl von Komplikationen, die durch Sonderregeln (etwa 'Radfahrer haben auch dann Vorrang, wenn sie schnelleren Rechtsabbiegeverkehr geradeausfahrend überholen' - auf dem Radweg nämlich) nicht verhindert werden können, sondern eher noch schlimmer gemacht werden. Umfragen zufolge kennen beispielsweise rund 30% der Autofahrer eben diese Regel nicht mal dem Inhalte nach. Wie soll man Regelbefolgung erwarten, wenn die Regeln unbekannt sind, oder zu kompliziert sind und deswegen ignoriert werden?

Auf Schnee fahren ist schwierig und sehr gefährlich

Nun gut, ich bestehe nicht drauf. Manchem fällt es tatsächlich schwer. Man sollte aber beispielsweise bedenken, daß bei Schnee und Glatteis erheblich langsamer gefahren wird, und damit das Hauptrisiko der von Kfz ausgehenden Gefahr deutlich reduziert wird.   Bei Schneefall ist es besonders wichtig, sich sorgfältig zu überlegen, ab man entweder ausnahmsweise die ungeräumten Radwege bevorzugt (solange die Schneedecke einigermaßen intakt ist, fährt sich dann recht gut), oder ob man später die trockengefahrene Straße bzw. Fahrspur benutzt, um die langsam festfrierenden Spurrillen am Straßenrand, auf dem Radstreifen oder dem Radweg (sofern der nicht eh mit weggeräumten Schnee zugeschüttet ist) zu vermeiden.  Übrigens gibt es auch Fahrradreifen mit Spikes, und die sind (Radmärchenalert!) durchaus nicht verboten.

Je mehr Reflektoren am Rad sind, um so sicherer fährt man bei Nacht

Je mehr Reflektoren einer am Rad hat, um so wahrscheinlicher ist es, daß er die Beleuchtung geringschätzt oder vernachlässigt. Reflektoren brauchte ein Radfahrer nur dann, wenn er sein Rad überwiegend schiebt, eine aktive Beleuchtung können sie weder ersetzen noch ergänzen.  Dies liegt i.W. daran, daß Reflektoren nur dann überhaupt funktionieren können, wenn sie genau aus der Betrachtungsrichtung von einer gerichteten Lichtquelle beleuchtet werden (m.a.W. im direkten Scheinewerferkegel liegen).  Wenn das endlich der Fall ist, dann ist es selbst für eine Notbremsung schon viel zu spät. In den restlichen Fällen, die den bekannten boa ey-Effekt ("Boa ey, sind die Reflektoren da vorne aber hell") auslösen, ist der Radfahrer längst weg, bevor der Autofahrer überhaupt in seine Nähe kommt. Es ist ein netter Effekt, hat aber mit Verkehrssicherheit nichts zu tun - jedenfalls nicht positiv.

Das Rücklicht sieht man sowieso nicht

Tatsächlich? Meine Rücklichter sieht man aus einer Distanz von mehr als einem Kilometer noch recht deutlich, und das sind z.T. ganz normale StVZO-Rücklichter, wie man sie für 5-10 DM in jedem Fahrradladen bekommt. Teurere Rücklichter (mit LEDs, mit Standlichtkondensator) sind nicht heller (das ist nicht nötig), sondern zuverlässiger .

Vergammelt aussehende Fahrräder werden seltener geklaut

Widerspricht meiner Erfahrung. Mir wurden bislang nur vergammelt aussehende Fahrräder geklaut.

Wenn Speichen reißen, waren sie vorher zu fest gespannt.

Statt meiner Prosa: Jobst Brandt, das Fahrrad-Rad, erhältlich über Grofa, lesen.

Das Benutzen von Kopfhörern beim Radfahren ist gefährlich und verboten, weil man damit nichts mehr hört

Das Benutzen von Autos mit geschlossenen Fenstern ist gefährlich und verboten, weil man damit nichts mehr hört.
    Ersteres ist natürlich Unsinn, obwohl letzteres tatsächlich zutrifft - im Auto hört man ohne Kopfhörer mit ausgeschaltetem Autoradio i.A. weniger, als auf dem Rad mit Kopfhörer und eingeschaltetem Radio.  Ausführliche Begründung und Diskussion in meinem Artikel Mit Kopfhörer radfahren .

Auch Radfahren gefährdet die Umwelt

Das gehört in dieselbe Kategorie wie "Radfahren ist gefährlich", "Straßen sind gefährlich".  Legt man keinen Vergleichsmaßstab an, so ist es zutreffend, und eine Trivialität - Leben überhaupt gefährdet die Umwelt auch. Aber: es gibt kein anderes Transportmittel, das gemessen an seiner Leistung auch nur annähernd so energieeffizient und so ressourcenschonend ist wie das Fahrrad. Wer die Umwelt noch mehr schonen will, muß zu Hause bleiben - und hockt dort vermutlich vor dem Fernseher oder Spielcomputer, und gefährdet damit sich und seine Umwelt eher mehr als weniger.

© 1998 by Wolfgang Strobl, all rights reserved

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