Bachblütenarzneien: Ist es an der Zeit, sich die Nase zuzuhalten?

Bach Flower Remedies: Time to Stop Smelling the Flowers?

Lynn McCutcheon

Skeptical Inquirer -- July/August 1995

Sind die Blumenarzneien echte Heilmittel für psychische Beschwerden, oder sind sie nicht mehr als hübsche Placebos?


Als ich vor mehreren Jahren ein Reformkostgeschäft kaufte, konnte ich auf eine Karriere als ein Psychologieprofessor zurücksehen, die 23 Jahre und mehr als 60 Veröffentlichungen umfasste und sie hinter mir zurücklassen. Oder zumindest glaube ich damals, daß ich sie hinter mir gelassen hätte. Eines der Dinge die ich mit dem Geschäft "erbte" war eine kleine Sammlung von Bachblütenmitteln. Diese blechernen dunklen Flaschen trugen vertraute Namen wie Walnuß, Weinrebe, Buche und Pinie, wie auch die weniger vertrauten Bleiwurz, die weniger vertraute Waldrebe (clematis) und die weniger vertraute Gauklerblume. Die Flaschen enthielten angeblich Wasser, das aus dem Tau auf bestimmten Blumen bestand, den man in reinem Wasser bis zu dem Punkt verdünnt hatte, daß wenig oder nichts von der Blume blieb. Jede Flasche enthielt auch etwa ein Viertel Alkohol. Ich wußte nicht, was diesen Elixieren für eine Wirkung zugeschrieben wurde, und ich dachte auch nicht viel über sie nach, bis ich vor kurzem über ein Bachblumenessenzen für die Familie (Wigmore 1993) genanntes Taschenbuch stolperte.

Ich habe mich inzwischen ja daran gewöhnt, Behauptungen zu lesen wie "Vitamine A, C und E reduzieren Ihr Risiko, Herzprobleme zu bekommen" und "Knoblauch kann Ihre Cholesterinwerte senken". In einem Reformkostladen ist es natürlich, daß die meisten Werbebehauptungen auf physiologische Vorzüge abstellen. Aber diese Blumenarznei-Broschüre stellte psychologische Behauptungen auf, manche davon kühn und pauschal: "Senf kann Sie fröhlicher machen"," Oliven wirken beruhigend", "Die Steinrose mildert Alpträume bei Kindern", "Wer unter Schlaflosigkeit leidet, braucht bloß Eisenkraut zu nehmen", "Süchtig geworden? Walnüsse werden dem abhelfen". "Kontaktarm? Greif' einfach zum Wasserveilchen!". Ich zählte insgesamt 238 psychologische Behauptungen, ein Durchschnitt von 6,26 für jedes der 38 Heilmittel. Wollen Sie ein geradezu unglaublich ausgeglichener Mensch werden - nichts einfacher als das: tun sie einfach jeden Tag ein paar Tropfen in ein Glas Wasser oder Saft.

Um zu verstehen, wie dieses bizarre System "funktioniert", ist es notwendig, das Leben seines Gründers, Edward Bach, zu erörtern. Bach war ein britischer Arzt, der sogar als Medizinstudent "wenig Zeit mit seinen Büchern verbracht" hat (Weeks 1973:16), weil er davon überzeugt war, daß seine eigene Intuition dem Wissen in den Büchern überlegen war. Nach dem Erlangen seines medizinischen Grades praktizierte er eine Weile lang Schulmedizin, aber sein Widerwille gegen wissenschaftliche Methoden in Verbindung mit seinen exzentrischen Neigungen brachten ihn in Konflikt mit dem medizinischen Establishment.

Widersprüche in den vorliegenden Informationen machen es schwierig, den wirklichen Edward Bach zu identifizieren. Auf der einen Seite wird uns gesagt, daß er immer knapp bei Kasse war, aber es wird uns auch gesagt, daß er dem örtlichen Footballklub erlaubte, sein Feld neben seinem Haus zu benutzen, und daß er regelmäßig im örtlichen Pub Lokalrunden ausgab (Weeks 1973). Er war angeblich sowohl Boxer als auch Ruderer; beides erfordert ausgezeichnete physische Gesundheit, wurde aber auch als über längere Zeiträume kränklich beschrieben (Weeks 1973). Seine Freunde bezeichneten ihn als einen "führenden wissenschaftlichen Forscher" (Weeks 1973:42), doch er selber ermutigte seine Anhänger, die Arbeit frei zu halten und zu befreien von Wissenschaft (Wheeler 1977). Bach (1977b) sagt uns, daß sein System ihm "als göttliche Erleuchtung gezeigt" wurde, aber einer seiner führenden Jünger behauptet, daß es sorgfältige Versuche und Tests gab und daß "Pflanzen, die Nebenwirkungen produzieren, schnell ausgesondert wurden", (Kasloff 1988:5). Seine Intuition "führte ihn immer auf den rechten Weg" (Weeks1973:39), aber er "sah", wie der Geist eines ertränkten Mannes über dem Körper des Mannes schwebte und bestand deshalb darauf, daß die künstliche Atmung acht Stunden lang weiter betrieben wurde. Der Mann starb dennoch (Weeks 1973) .

Unbestritten ist, daß Bach 1936 im Alter von 50 Jahren starb, in Anschluß an eine lange Krankheit (Wigmore 1993). Wenn er wirklich die Krankheit des nächsten Patienten schon kannte, "Stunden bevor dieser Patient sein Haus erreichte" (Weeks 1973:116) und wirklich "wundersame" Kräfte besaß, heilend, wie er angeblich war, warum war er so oft krank und warum konnte er sich nicht selber heilen?

Es gibt andere logische Probleme in seinem System. Im Widerspruch zu Bachs Behauptung, daß er göttlich inspiriert sei, zeigt eine nähere Betrachtung, daß einer seinen Quellen der Inspiration ein alter, falscher Glaube, die sogenannte "Gestaltlehre " war. Nach dieser Lehre ist die Gestalt und Form einer Medikamentenquelle bestimmend für deren therapeutischen Nutzen (Tyler 1993). Auf diese Weise wird in Bachs System die Essenz von Vergißmeinnicht gegen Vergeßlichkeit verwendet, Eiche und Steinrose geben Kraft, Wasserveilchen ist anzuraten für die Einsamen und Unnahbaren (violet == Veilchen == scheues Wesen). Und wilder Hafer ist genau richtig für unkonventionelle Leute(die der wilde Hafer sticht?). Vor einige hundert Jahren mag die Gestaltlehre eine verlockende Theorie gewesen sein, aber mit den vielen Fortschritten in der Wissenschaft der Psychologie ist sie genau so überkommen und veraltet wie die Praxis, geistig Behinderte am Pranger öffentlich anzuketten.

Bach schrieb (1976:109): "Da alle diese Mittel rein und harmlos sind, es gibt keine Furcht davor, zu viel oder zu oft zu geben. Noch kann eines dieser Heilmittel schaden, sollte es sich erweisen, daß es nicht die für den Fall nötige Arznei war". Wäre da nicht der hohe Alkoholgehalt, ich würde von ganzem Herzen mit diesen Erklärungen übereinstimmen -- ein Placebo kann keinen Schaden zufügen. Aber halten wir unser Urteilsvermögen mal für einen Moment zurück und nehmen an, daß seine Mittel tatsächlich funktionieren. Würde dann nicht die Fähigkeit, zu heilen, auch die Fähigkeit bedingen, Schaden anzurichten? Was ist zum Beispiel, wenn eine Person, die ohnehin sehr mutig ist, Mimulus aufnimmt? Könnte sie nicht so furchtlos werden, daß sie versuchen könnte, einen bewaffneten Raubüberfall eigenhändig zu verhindern? Was ist mit der Person, die schon wenige Gewissen hat? Wenn sie Geißblatt nimmt, das angeblich das Mitgefühl reduziert, könnte es das Risiko nicht steigern, denjenigen sich zu einem ausgewachsenen Psychopathen zu machen? Das, was die Kraft zu helfen hat, hat auch die Kraft zu schaden. Warum sollte die Bachblütenessenzen in dieser Hinsicht so ganz anders sein als Autos oder Atomkraft?

Wir lesen, daß Bach nach dem Entdecken der achtunddreißigsten Arznei wußte (Weeks 1973), daß dort keine weiteren Entdeckungen zu machen waren. Beinahe alles war innerhalb von wenigen Meilen um Bachs Wohnungen herum gefunden worden. Es gibt eine riesige Anzahl von blühenden Pflanzen in der Welt und auch nach 1936 sind einige davon als nützlich erkannt worden. Nach allem, was ich weiß, haben Bachs Anhänger nie versucht, zu erklären, warum ihr System immer noch nur diese 38 Essenzen gefunden hat, die psychologisch wirksam sein sollen. Noch haben sie soweit ich weiß versucht zu erklären, wieso die allesamt innerhalb von wenigenMeilen um Bachs Haus herum gefunden werden konnten.

Logische Ungereimtheiten sind nicht das einzige Problem, das Bachs Jüngern geerbt haben. Viele von ihnen haben seinen Rat, seine Arzneien frei von Wissenschaft zu halten, zu ernst genommen. Ich rief zwei führende Hersteller von homeopatischen Produkten an und bat darum, mit ihren Forschungsexperten sprechen zu dürfen. Einer hatte "keine Ahnung, ob es wirkt oder nicht", und er sagte, daß er von keiner relevanten Forschung wüßte. Der andere Forscher wußte auch nichts von irgendwelchen Studien, aber er meinte, daß es "an der Oberfläche funktionieren könne" (was auch immer das bedeutet). Eine aktuelle Suche durch Psychological Abstracts mit Hilfe von "Bach "und "Blumen" als Suchbegriff über den Zeitraum von 1963 bis 1993 ergab nichts. Anscheinend sah nicht ein einziger Psychologe es in den letzten dreißig Jahren als notwendig an, dieses Thema zu erforschen.

Ich glaube, daß es kleinen Grund gibt, die Literatursuche vor 1963 weiterzuführen, weil nur eines der Bücher, das ich von Bach und seinen Jüngern las, überhaupt irgendeine wissenschaftliche Forschung zitierte. Kaslof (1988) führte ein Dissertation an, die 1979 von Weisglas geschrieben wurde. Diese Studie verglich zwei Behandlungsgruppen und eine Placebogruppe auf jede von etwa 300 abhängigen Variablen -- so viele, daß es fast unmöglich gewesen wäre, überhaupt keinen Effekt bei irgendeiner Kombination zu finden. Man stelle sich als Analogie 300 verschiedene Lotterien vor, in denen jede Karte eine Chance von einem Prozent hat, zu gewinnen. Nun - die Chancen sind nicht sonderlich gut. Gut - stellen Sie sich vor, sie haben zwei Karten für jede Lotterie, dann sind unter diesen Bedingungen Ihre Chancen zu gewinnen doppelt so hoch. In der Tat "gewannen" die Essenzen in der Weisglasschen Lotterie fünfmal. Kurioserweise wurde einer der Unterschiede, wo die Essenzgruppen bevorzugt wurden, die "sexuell bestimmt" waren, nicht von Bach vorhergesagt. Die Placebogruppe gewann entweder nicht oder, wenn sie es tat, wurde es nicht in der kurzen Zusammenfassung erwähnt. Kaslof erwähnte kurz eine andere Studie, aber führte sie nicht in der Literaturliste auf. Es wird so vage beschrieben daß nichts daraus geschlossen werden kann. Ich sandte ein selbstadressierten und frankierten Umschlag an Kaslof, nach einer detaillierteren Beschreibung fragend, aber habe keine Antwort erhalten.

Es erscheint als ob die einzigen "Beweise" für die vielen von Bach und seinen Anhängern aufgestellten Behauptungen aus individuellen Zeugnissen oder Fallbeispielen bestünden ( Kanzler 1971; Weeks 1973; Roller 1977 ). Zum Beispiel: "Ich verwendete es, um diese mysteriösen Schmerzen in meiner verlängerten Rücken zu behandeln. Nichts von dem, was der Doktor vorschrieb, half. Jemand beschrieb mir die Bachmittel und jetzt nehme ich es jedes Mal, wenn mein Hintern beginnt, Schwierigkeiten zu machen. Wirkt Wunder." Diese Arten von Belegen sind massenweise in den Büchern von Bachgläubigen zu finden. Sie sind auch sehr leicht abzutun.

Zeugnisse und Dankschreiben sollten nicht zu ernst genommen werden. Auf jeden Fall können sie viel zu leicht vorgetäuscht werden. Aber, selbst wenn wir annehmen, daß jedes Dankschreiben ganz echt ist, sollte wir sie nicht als Ersatz für wissenschaftliche Beweise durchgehen lassen. Für jede Person, die behauptet, daß Produkt X großartig ist, kann es zehn geben, die meinen, daß es wertlos ist, oder jedenfalls fast wertlos. Die Gesellschaft, die Produkt X herstellt, hat sicher nicht vor, die Geschichten von jenen publik zu machen, die meinten, daß es nutzlos war. Aber, selbst wenn man die Dankschreiben völlig unvoreingenommen veröffentlichte, würden sie wahrscheinlich weniger Beschwerden als Komplimente bekommen. Wenn sie nicht gerade annehmen, ein Produkt sei schädlich, beklagen sich Verbraucher normalerweise nicht, sie gebrauchen einfach etwas anderes. Mit anderen Worten: Zeugnisse und Dankschreiben sind nutzlos, weil wir keine Möglichkeit haben herauszufinden, wie vielen Leuten von einem besonderen Produkt geholfen wurde. Es könnte sich ja die Leute, denen Bachs Mittelchen nicht geholfen haben, als sie sie als Heilmittel gegen ernsthafte psychologische Probleme genommen haben, so dumm vorkommen, daß sie gar nicht wollen, daß irgend jemand davon erfährt.

Irgendwelche günstigen Ergebnisse, die aus der Verwendung der Bachblumenmittel resultieren sind wahrscheinlich eine reine Placebowirkung. Wie die meisten Leser des Sketipcal Inquirer wissen, hat ein Placebo keine biologisch wirksamen Inhaltsstoffe, ist aber oft dennoch "wirksam", weil die Person, die es nimmt, glaubt, daß es wirksam ist. Placebowirkungen sind mehrfach und zuverlässig demonstriert worden und existieren auf vielfältige Weise und bei einer großen Zahl psychosomatischer Erkrankungen. Bach war anscheinend eine Person mit ausgezeichneter Zungenfertigkeit und voll von Vertrauen zu seiner Fähigkeit zu heilen. Er war wahrscheinlich geschickt darin, Patienten davon zu überzeugen, sich fest vorzunehmen, daß es ihnen besser ginge. Er war sicher charismatisch genug, um ein loyales Gefolge von Anhängern anzuziehen. Kurioserweise lieferte einer von diesen getreuen Anhängern eine Anekdote, die prächtig dazu eignet, eine Placebo-Interpretation anzunehmen. Beim Beschreiben von den Heilkräften ihres Helden beobachtete Weeks (1973:120), daß die Bachblütenmittel am besten zu funktionieren schienen bei jenen, die eine weite Reise getan hatten, um vom Meister behandelt werden. Es ist vernünftig, anzunehmen, daß jene, die eine lange Strecke auf englischen Straßen in den 1930ern bereisten, um einen bestimmten Doktor zu konsultieren, hoch motiviert waren, gesund zu werden, so motiviert, daß sie für die Überzeugung, daß dieser charismatische Doktor und seine ungewöhnliche Behandlung ihnen Entlastung von ihren Schwierigkeiten bringen würden, besonders anfällig gewesen sein könnten.

Zusammenfassend scheint es keine zuverlässigen und unzweideutigen Belege zu geben, die auch nur einige der Vielzahl der von Bach und seinen Anhängern gemachten Behauptungen unterstützen. Die Bachmittel, die ich "erbte", als ich meinen Reformkostladen kaufte, sind gegenwärtig unter der Theke, wo sie nicht gesehen werden können. Wenn Leute hereinkommen und nach ihnen fragen, verkaufe ich sie, aber ich beabsichtige nicht, sie nachzubestellen, und ich habe meine Angestellten angewiesen, keine Behauptungen, welcher Art auch immer, über ihre Nützlichkeit zu machen. Vielleicht ist die Zeit gekommen, aufzuwachen und aufzuhören, an diesen Blumen zu schnüffeln.

Literatur

Bach, E. 1977a. "Heal Thyself." In The Bach Flower Remedies. New Canaan, Conn.: Kears. Originally published by C.W. Daniel, Essex, England, 1931.

---, 1977. "The Twelve Healers." In The Bach Flower Remedies. New Canaan, Conn.: Kears, Originally published by C.W. Daniel, Essex, England, 1933

Chancellor, P. M. 1971, Handbook of the Bach Flower Remedies. London: C. W. Daniel.

Kaslof, L. J. 1988. The Bach Remedies: A Self-help Guide. New Canaan, Conn.: Kears.

Tyler, V. E. 1993. "Paraherbalism Is a Pseudoscience." In The Health Robbers, ed. by S. Barret and W.T. Jarvis. Buffalo, N.Y.: Prometheus.

Weeks, N. 1973, The Medical Discoveries of Edward Bach, Physician. New Canaan, Conn.: Kears. Originally published in 1940. Weisglas, M. S. 1979. "Personal growth and conscious evolutionn through Bach Flower Essences." Dissertation Abstracts International, part B, p. 3614 (1981).

Wheeler, E. J. 1977, "The Bach Remedies Repertory." In The Bach Flower Remedies. New Canaan, Conn.: Kears. Originally published by C. W. Daniel, London, 1952.

Wigmore, 1993. Bach Flower Essences for the Family. London: published by author.