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Entwurf eines offenen Briefs an NRW-Verkehrsminister Wittke

Entwurf eines offenen Briefs an den NRW-Verkehrsminister Oliver Wittke aus Anlass eines Zeitungsartikels vom 13.6.2008, Stand 15.6.2008, aus Zeitgründen nicht fertiggestellt und deswegen nicht abgeschickt. Da das Thema aber immer wieder hochkommt, lege ich den Brief hier für späteren Gebrauch ab.
Entwurf eines offenen Briefs an NRW-Verkehrsminister Wittke

Interview GA mit Oliver Wittke, Freitag, 13.6.2008

Sehr geehrter Herr Minister Wittke,

in meiner Tageszeitung las ich am Freitag ein mit „Kein Wildwest auf unseren Straßen" überschriebenes Interview, in dem Sie u.a. über das Thema Sicherheit im Straßenverkehr befragt wurden und Auskunft gaben. Den Verkehrsminister im Anzug auf einem vernünftig ausgestatteten modernen Fahrrad fahrend abgebildet zu sehen empfand ich als genau so erfrischend wie den Aufruf zu mehr Zivilcourage im Straßenverkehr. Auch wenn ich persönlich in den letzten >20 Jahren, in denen ich meinen Arbeitsweg überwiegend mit dem Rad zurückgelegt habe, kaum Anlaß hatte, einen anderen Verkehrsteilnehmer anzeigen zu wollen und wo doch, dies jedenfalls nie in die Tat umgesetzt habe, ist mir als Radfahrer und Vater zweier Söhne das Schreckpotential von Fehlverhalten al la „Wildwest" durchaus präsent.

Als recht befremdlich, sogar regelrecht peinlich empfand ich allerdings der Versuch der Zeitung, Sie bezüglich ihrer Kleidung zur Rede zu stellen und Sie als „schlechtes Vorbild" hinzustellen, weil Sie auf dem im Interview abgedruckten Foto genau so wenig einen  Radhelm tragen wie auf einem früheren Foto, auf dem Sie als Teilnehmer einer zurückliegenden Veranstaltung zur Aktion „Mit dem Rad zur Arbeit" abgebildet sind -  ein Pressefoto, das von den mit Sturzhelmen überfrachteten Plakaten dieser Aktion insofern positiv abweicht, als die Bekleidung der o.a. Teilnehmer dem Standard in der erwachsenen Bevölkerung entsprach:  als Partei würden die Radhelmträger im Alltag nämlich bereits an der 5%-Hürde scheitern.

Das  so erheblich vom Alltag abweichende und insofern manipulierte Bild, welches die Radfahrer in der Kampagene „Mit dem Rad zur Arbeit" abgeben, gab mir anläßlich einer Rundmail bei meinem Arbeitgeber einen Grund, beim Organisator gegen diese Schieflage zu protestieren und darauf hinzuweisen, daß weder Notwendigkeit noch Nutzen von Sturzhelmen für Radfahrer nachgewiesen sind, mehr noch, daß ihre Unwirksamkeit bezüglich schwerer resp. tödlicher Verletzungen inzwischen sogar als wissenschaftlich erwiesen gelten kann. 

Oder wie es eine Statistikerin ausdrückte, die Methodik und Ergebnis eines einschlägigen Fachartikels untersucht hatte, auf dem ein Großteil der affirmativen Fachliteratur zu Fahrradhelmen fußt: mit denselben Methoden und denselben Zahlen, welche die veröffentlichten und oft zitierten „85% weniger Kopfverletzungen" ergaben, hätte man auch einen ähnlich hohen Schutz vor Verletzungen an Händen und Füßen „beweisen" können - ein absurdes Ergebnis einer offensichtlich fehlerhaften Untersuchung.   Die einzige wirklich nachgewiesene Wirkung von Fahrradhelmen besteht darin, daß ihre Propagierung geeignet ist, den Radverkehr um bis zu 30 % reduzieren, vermutlich aufgrund ihrer Umständlichkeit und abschreckenden Wirkung und der damit verbundenen - falschen - Botschaft, Radfahren sei ungewöhnlich gefährlich .

In Ihrer Antwort auf den vom Bonner GA erhobenen Vorwurf, ein „schlechtes Vorbild abzugeben", entschuldigten Sie dies als ein „läßliches Versäumnis".  Sie haben aber überhaupt keinen Anlaß, sich zu entschuldigen! Wer im Auto, als Fußgänger  oder beim Treppensteigen keinen Sturzhelm trägt  (ich gehe davon aus, daß Sie dies nicht tun), hat auch auf dem Fahrrad keinen Grund, einen sonderbaren Plastikhut zu tragen. Denn er riskiert seinen Kopf bei der einen alltäglichen Tätigkeit genau so viel oder so wenig wie bei der vielen anderen, bei denen das selbstverständlich für entbehrlich gehalten wird.  Alleine durch Treppenstürze kommen in Deutschland etwa zehn mal so viele Menschen ums Leben wie durch Stürze vom Rad und sterben dann, wie bei Stürzen allgemein, überwiegend an den erlittenen Kopfverletzungen. Trotzdem fordert niemand Treppenhelme.

(Daß ein Sturzhelm keinen nennenswerten Schutz bei einer Kollision mit einem schnell fahrenden motorisierten Fahrzeug darstellt, brauche ich Ihnen als Verkehrsminister mit naturwissenschaftlicher Ausbildung wohl nicht zu erläutern). 

Die Beurteilung einer der Sicherheit dienenden technischen Einrichtung hat sich mit ihrer Notwendigkeit, ihrer Wirksamkeit und mit ihren im realen Betrieb zu erwartenden Nebenwirkungen zu befassen, in dieser Reihenfolge. Im politischen Diskurs wird aber meist lediglich auf letztere Frage abgestellt, die Frage der Wirksamkeit lediglich in der Form eines Glaubensbekenntnisses gestreift, selten aber die Frage nach der Notwendigkeit thematisiert, obwohl diese eigentlich am Anfang stehen müsste und positiv beantwortet werden müsste, bevor man sich überhaupt weiter damit befasst.

Ich möchte deswegen noch ein wenig bei diesem Punkt verweilen, bevor ich auf die Frage der Wirksamkeit eingehe. ‚Leser des GA haben be­merkt, daß Sie jüngst bei der Vor­stellung der Aktion „Mit dem Rad zur Arbeit" in Bonn keinen Helm getragen haben‘ heißt im Klartext, daß ein Leserbrief dieses Tenors abgedruckt wurde. Ein Leserbrief, der meines Wissens von einem Leser geschrieben wurde, der in der Seniorenbetreuung tätig ist - Grund genug, sich mit dem Sturz- und Kopfverletzungrisiko von Senioren näher zu beschäftigen.

Betrachtet man die beiden nachfolgenden Grafiken (links die Bevölkerungsstruktur nach Altersgruppen von fünf Jahren im Jahr 2006, rechts die Anzahl der durch Sturz ums Leben gekommenen Personen, aufgetragen nach denselben Altersgruppen), so sieht man, daß das Risiko eines tödlichen Sturzes (der, wie bereits erwähnt, generell bei Unfällen mehrheitlich mit einer tödliche Kopfverletzung einhergeht) mit dem Alter stark zunimmt. Bis zum Alter von 30-40 Jahren ist das Risiko nahezu nichtexistent, nimmt dann aber exponentiell zu.

Todesursache Sturz vs Alter 2006

Tatsächlich stellt die Altersgruppe ab 70 Jahren knapp 80% aller Todesfälle durch Sturz und ist damit etwa sechs mal so gefährdet wie der Durchschnitt, bzw.  25 mal so gefährdet wie der Durchschnitt der anderen Altersgruppen. 

Offenbar liefert aber selbst dieses gegenüber dem Durchschnitt extrem erhöhte Risiko von Senioren keinen Grund, Sturzhelme zu propagieren, jedenfalls finden sich in den von einschlägigen Verbänden verbreiteten Sicherheitshinweisen viele sinnvolle Empfehlungen, von hellerer Beleuchtung über das Entfernen von Stolperfallen bis hin zu Agilitätstrainings, aber keine Erwähnung von Protektoren irgendwelcher Art, und schon gar nicht von Sturzhelmen.

Die nachfolgende Graphik zeigt beide Kurven, Altersverteilung und die Zahl der tödlichen Unfälle in den jeweiligen Altersgruppen noch einmal in einem einzigen Bild zusammengefasst.

und Altersverteilung

Bei der Bewertung einer potentiellen Sicherheitseinrichtung, bevor man sie vorschreibt oder auch nur empfiehlt, sind eine Serie von Prüfungen notwendig, wobei die gesamte Prüfung abgebrochen werden muß, wenn eine Prüfung ein negatives Resulat erbringt.

Am Anfang der Betrachtung steht die Frage: ist das Mittel notwendig? Notwendig ist ein Sicherheitsutensil nicht schon dann, wenn es irgend jemand für notwendig erklärt und an die Notwendigkeit glaubt, oder wenn es jemand im Produktsortiment hat, es deswegen verkaufen möchte und entsprechende Empfehlungsschreiben vorweisen kann. Auch der Nachweis von Schäden im vorgeblichen Anwendungsfeld ist nicht ausreichend. Eine Notwendigkeit begründet sich erst dadurch, daß ein das übliche deutlich überschreitendes Schadrisiko dauerhaft und nachweislich vorhanden ist, ein Risiko, welches so hoch ist, daß es in analogen Szenarien nicht ohne diese oder eine analoge Schutzeinrichtung hingenommen wird. Hierbei sind nicht Einzelfälle zu beurteilen, sondern typische Fälle und es ist die Varianzbreite innerhalb und zwischen den verschiedenen Gruppen zu berücksichtigen.

Ist das Mittel wirksam? Die Notwendigkeit, ein spezifisches Risiko bis auf ein hinnehmbares Maß zu reduzieren bedeutet nicht, daß jedes zu diesem Zwecke angebotenes Hilfsmittel die für erforderlich gehaltene Reduktion auch leistet. Diese ist nachzuweisen! Dabei ist auf einem reproduzierbaren Nachweis im Feld zu bestehen, die bloße Möglichkeit einer gewünschten Wirkung oder deren Nachweis in Labor oder Gedankenexperiment ist unzureichend und häufig irreführend.

Waren beide Prüfungen erfolgreich, ist das geplante Mittel also sowohl notwendig als auch wirksam, so sind weitere Kriterien zu erfüllen, bevor man daran denken sollte, das Mittel als empfehlenswerte Schutzeinrichtung zu bezeichnen:

Unschädlichkeit, Effektivität und Effizienz.

(Fortsetzung folgt)


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