Nascom 2 - Resurrection
Den rechts abgebildeten Nascom 2 hatte ich ca. 1980 zusammengelötet und später dann zu einem CP/M 3.0-System aufgerüstet. In dieser Form hat er neben seinem Hauptzweck - Bastelobjekt - vielfältigen Zwecken gedient, vom Schreibmaschinenersatz (erst mit einer umgebauten IBM 2741-Console, dann mit einem C.Itoh 8510 Nadeldrucker) über Taschenrechner (Multiplan/Supercalc) bis hin zum Terminal-Ersatz. Später mußte das Gerät einem billigen IBM-PC-Clone weichen, die Einzelteile verbrachten dann die letzten zwanzig Jahre in verschiedenen Kellerräumen und verstaubten.
Kürzlich stand im Verlaufe einer Aufräum- und Entrümpelungsaktion die Entscheidung an: reaktivieren oder wegwerfen? Ich habe mich für das Ausprobieren entschieden, nachdem eine Sichtung des Krempels zeigte, daß alle benötigten Komponenten, vom Monitor über die Original-Floppylaufwerke bis hin zu den Verbindungskabeln noch vorhanden waren.
Neben dem prof. Interesse daran, ob so ein Computer nach einem solchen Zeitraum noch funktionsfähig ist bzw. was nötig ist, ihn evtl. wiederzubeleben, galt mein Interesse ein paar alten Quellprogrammen und alten Texten, die ich nie auf neuere Datenträger umkopiert hatte. Theoretisch wäre es zwar möglich gewesen, die CP/M-Floppies auf einem x-beliebigen PC zu lesen, sofern dieser mit einem 5-1/4-Zoll-Floppylaufwerk ausgerüstet ist, denn das bei meinem System verwendete Softsektorformat ist auf der physikalischen Ebene i.W. kompatibel mit dem auf IBM-PCs ursprünglich verwendeten und immer noch unterstützten DD-Format. Jedoch stand der bei CP/M-Systemen sprichwörtliche Formatwirrwarr (jedes System hielt sich zugute, eine andere und aus dem Datenträger selber nicht ermittelbare Kombination aus FAT-Größe, Sektorversatz, Stückelung der Extents usw. zu verwenden) einem einfachen Auslesen entgegen. Abgesehen davon haben wir schon lange keinen Rechner mehr im Haus, der mit einem 5-1/4-Zoll-Laufwerk ausgestattet ist.
Erster Versuch - der magische Rauch entweicht
Die einzelnen Komponenten waren leicht zusammengesteckt. Also schnell noch einmal alle Verbindungen checken, die Peripheriegeräte (Monitor, Floppy) einzeln einschalten und dann den Hauptschalter umlegen. Ergebnis: erst mal nichts - und dann eine dicke, beissende Qualmwolke, die zwischen den Platinen entweicht und sich auch nach dem Ausschalten eher noch verstärkt. Ein kleiner Tantal-Elko auf einer der beiden Speicherkarten auf dem nachgerüsteten ECB-Bus, er dient der Pufferung der Versorgungsspannung für die in dieser Hinsicht recht anspruchsvollen 4116-RAMs, war abgeraucht. Ein Ersatz war zwar schnell gefunden und eingelötet, jedoch war das Zimmer erst nach ein paar Stunden kräftigen Lüftens wieder benutzbar. Erstaunlich, welchen Gestank ein solch winziger Elko produzieren kann.
Zweiter Versuch
Erfolg! Zwar leuchtet nach Hinzustecken der reparierten Speicherkarte und Einschalten des Netzteils erst einmal nur die rote HALT-Led auf (sie zeigt, daß der Z80 eine Halt-Instruktion ausgeführt hat), nach Betätigen des Reset-Tasters klackert aber das Floppylaufwerk vernehmlich und - Überraschung! - nacheinander melden sich Monitor, Bootrom und dann die CP/M-Bootmeldung ("Wolfgang Strobls Computerstall", siehe Bild rechts). Es hatte nämlich all die Jahre eine bootfähige CP/M 3-Floppy im Laufwerk A gelegen, und die funktionierte offenbar noch. Ein "dir" zeigt, daß auf dieser Floppy auch ein KERMIT.COM vorhanden ist. Was will man mehr?
Na ja, man will halt mehr. Mehr Daten, mehr Programme. Wo sind also die restlichen Datenträger? Ooops.
Dritter Versuch
Aber das ursprüngliche Ziel der ganzen Aktion war ja Entrümpeln, Aufräumen, siehe oben. Zwei Stunden später sind die Floppies gefunden, eine große Kiste ganz hinten auf dem Speicher, alles noch vorhanden. Dafür hat sich der Rechner jetzt mit einem leisen Knacken - das ursprünglich für die Kassettenrekordersteuerung verwendete Relais war abgefallen - verabschiedet, nichts geht mehr. Die Standardprozedur - nacheinander alle Karten ziehen - hilft auch nicht weiter. Schließlich trifft auch hier die alte Faustregel zu - im Zweifel ist es immer das Netzteil. Es ist das Netzteil, die interne Sicherung ist durch, eine Ersatzsicherung brennt ebenfalls durch. Eine etwas stärkere flinke Sicherung hält, aber jetzt zeigt sich: die 5 V sind weg, es sind nur noch knapp 1 V auf der Leitung, dafür wird das Netzteil fühlbar heiß. Die Sicherung hatte also recht. Ich erinnere mich, schon mal einen Transistor im Netzteil ausgewechselt zu haben. Dafür habe ich jetzt aber keinen Ersatz und auch keine Lust, danach zu suchen. Aber eine bessere Lösung: ein PC-Netzteil aus einem zum Verschrotten anstehenden Rechnergehäuse liefert alle benötigten Spannungen.
Kermit
Die serielle Schnittstelle des Nascom II läßt sich mit maximal 2400 Baud betreiben, mit Kermit auf beiden Seiten ist sowohl der initiale Schnittstellentest als auch der spätere Filetransfer trotz der geringen Geschwindigkeit eine recht einfache und bequeme Angelegenheit. Der PC-seitige Kermit wird im Servermodus betrieben, Nascomseitig kann ich dann entweder einzelne Dateien oder per Wildcard ("send *.*") auch ganze Floppies exportieren.
Fallstricke sind Dateinamen, die einen / enthalten und Floppy-Laufwerke, die herumzicken (dazu siehe aber den nächsten Abschnitt). Und nichtstandardmäßige Einstellungen. Kermit benutzt grundsätzlich nur "druckbare" Zeichen zur Kommunikation und als einziges Steuerzeichen zur Einleitung eines Pakets ein Startzeichen, standardmäßig ^A (SOH). Unangenehmerweise wurde dies von CP/M in einer Weise interpretiert, die sich mit der Verwendungsweise durch Kermit biss. Ich hatte deswegen den Kermit-80 so gepatcht, daß er ^K (VT) statt ^A verwendete. Kein Problem - wenn man sich zwanzig Jahre später daran noch erinnert. %-). Glücklicherweise sind die Debugging-Möglichkeiten des originalen MS-Kermit (der übrigens unter Windows NT/2000/XT prächtig funktioniert, kein Grund, die pompöse, umständliche und kostenpflichtige jüngere Kermit-95-Version von Columbia zu benutzen) so gut, daß einen die Modifikation beim Zuschauen regelrecht anspringt.
Lagerschaden
Nach dem erfolgreichen Transfer von zwei oder drei Floppies brach der Transfer immer mal wieder mit "Floppy nicht ready" ab. Als Ursache stellte sich heraus, daß die Spindelmotorlagerung des verwendeten Floppylaufwerks festgefressen war und einen erheblichen mechanischen Widerstand aufwies, der vom Motor nur so gerade eben überwunden werden konnte. Da die Laufwerke nicht durchlaufen, sondern nach einem kurzen Timeout stehenbleiben, trat der Fehler jeweils beim Wiederanlauf auf, wenn Kermit die nächsten paar Blöcke lesen wollte. Zum Glück sind noch beide Laufwerke vorhanden, nach Umjumpern und Wechseln der Laufwerke läuft es jetzt wieder.
2010
Inzwischen (2010) ist das Gerät wieder abgebaut und verstaut - es gibt in Zeiten der Verfügbarkeit billiger Netbook keine Verwendung, die sich mit einem neueren Gerät und evtl. einem Emulator nicht bequemer und besser erledigen ließen. Evtl. baue ich den Nascom 2 irgendwann wieder in den Originalzustand (Einplatinencomputer mit 8K-Microsoft-Basic) zurück. Zusammen mit einem aufnahmefähigen billigen MP3-Player (für das Kansas-City-Kassettenrecorder-Interface) unter einer Acryl-Platte ergäbe das ein nettes Ausstellungsstück ohne - von der Tastatur abgesehen - bewegliche Teile.
